Hunger

Als ich heute aufwachte, fragte ich mich, warum um kurz nach 6 jemand dusche und warum ich das so laut höre. Des Rätsels Lösung war der starke Regen, der eingesetzt hatte und mal leichter, mal wieder mehr, bis kurz nach Mittag andauerte. Heute war ich froh über jeden streifen Asphalt auf dem Weg, der die Nässe etwas von dem Schuhen abhielt. Jeder Tag verlangt nicht nur eine Planung der Tagesetappe, sondern auch der Verpflegung. Es gibt oft über 10 km keine Bar, um etwas zu essen. Manchmal ist es auch so, dass mir die erste Möglichkeit, die ich sehe, nicht zusagt, und schon ist der Ort vorbei und die Chance auf Kaloriennachschub verpasst. Nach schlechten Erfahrungen mit vegetarischen Speisen haben wir uns in den letzten Tagen zu viert zusammengetan und uns abends in der Mikrowelle aus verschiedenem Gemüse einen Eintopf gewärmt.
Es ist aber nicht nur der körperliche Hunger, der auf dem Weg manchmal schlecht gestillt wird. Im Gegensatz zum Camino francés bekomme ich hier auch wenig Nahrung für den geistigen Hunger. Keine spirituellen Orte, die Kirchen sind geschlossen und oft führt der Weg nicht einmal daran vorbei, ich bete, meditiere und singe auf dem Weg, aber ich spüre kaum die Energie des Weges, die ich voriges Jahr als so kräftig erlebt habe. Gerade als mir das gestern bewusst wurde, waren die nächsten drei Personen, die ich auf dem Weg traf, angehende Priester aus Cordoba. Ich sprach mit ihnen über mein Problem, hatte aber den Eindruck, dass sie nicht wirklich verstanden, was mir fehlte. Aber sie freuen sich jetzt jedes Mal sehr, wenn sie mich wiedersehen.
Kraftquelle auf dem Weg ist für mich das Meer. Heut bin ich wieder nur 20 km gepilgert und das Ziel des Weges war die Herberge von Tapia, die direkt an der Steilküste des Meeres liegt, mit Liegestühlen mit gewaltiger Aussicht. ‚Schlafen zwischen den Wellen‘ ist das Motto dieses Hauses und ich freu mich drauf, morgen nicht von Autolärm, sondern von der Meeresbrandung geweckt zu werden.

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