Gottesdienste

Mein Einsatz in Santiago neigt sich dem Ende zu, die Tage sind sehr voll, sodass ich wenig Zeit zum Schreiben habe. Ich möchte euch heute über ein wichtiges Element unseres Dienstes erzählen: über den täglichen Gottesdienst in deutscher Sprache. Es wurde uns heuer, nach einigen Problemen in den letzten Jahren, eine neue Kirche zugewiesen: San Fructuoso, direkt am Weg vom Kathedralsplatz zum Pilgerbüro, also sehr zentral gelegen und tagsüber immer offen. Es ist ein sehr schöner Ort zum Feiern.

Diese Gottesdienste sind meist von 10-20 Personen besucht, täglich bildet sich eine neue Feiergemeinde, zusammengewürfelt aus Pilgernden, die aus allen Richtungen hierher gekommen sind. Bevor wir beginnen laden wir alle ein, sich kurz vorzustellen. Das und wahrscheinlich auch die Sprache und die bekannten deutschsprachigen Lieder schaffen gleich soviel Verbindung zwischen den Menschen!
Der Wortgottesdienst ist sehr einfach gehalten, nur mit Evangelium und kurzer, sehr ansprechender Predigt unseres Pfarrers. Das ist auch für mich ein täglicher Impuls für den Tag, sodass ich die Zeit hier auch als Exerzitien bezeichnen könnte. Täglich mache ich dazu auch eine kleine Zeichnung ..

Für die Eucharistiefeier versammeln wir uns um den Altar. Wir laden dann ein, Gebet, Bitte und Dank mit Weihrauch auf die heiße Kohle zu legen. Das ist immer ein sehr berührender Moment, wo oft Tränen fließen. Kommunion gibt’s für alle, die das wollen, in Brot und Wein und zum Schluss noch ein Segenslied mit Hand auf der Schulter des/der Nachbarin. Im Anschluss laden wir noch zu Kaffee und Tee ein.

Wie anders ist die Pilgermesse in der Kathedrale! Es wird nur Spanisch gesprochen, es gibt eine Vorsängerin, aber es wird nichts gemeinsam gesungen und das für viele einzig interessante und der Höhepunkt ist es, wenn zum Schluss der Botafumeiro geschwungen wird. Das ist das riesige Weihrauchfass, so schwer und groß wie ich, das von 8 Männern in luftige Höhen geschwungen wird. Heute ist es ein Spektakel, früher diente der Weihrauch zur Desinfektion und Beseitigung unangenehmer Gerüche in der Kathedrale. Die Pilgernden durften ja drinnen auf den Ballustraden oben übernachten und hatten keine täglicher Dusche.

Obwohl viele nichts verstehen und manche während der Messe vor Müdigkeit einschlafen, ist die Pilgermesse immer total voll und es sitzen überall die Menschen auf dem Boden. Bei der Mittagsmesse werden wir immer gebeten, die Kollekte zu machen. Da sehe ich die bunte Schar aus der ganzen Welt. Und da wir immer in der ersten Reihe sitzen, kann ich auch beobachten, dass viele zur Kommunion gehen, aber nicht wissen, was sie jetzt mit diesem Stück ‚Oblate‘ anfangen sollen. Deswegen steht auch bei jedem Kommunionspender (alles Priester) eine Security oder Nonne und sorgt dafür, dass die Menschen das Brot tatsächlich essen oder wieder zurück geben. Alles sehr ungewöhnlich und staunenswert!

Die Heilige Pforte

Santiago, die Stadt des Apostels Jakobus, sah sich immer in Konkurrenz zur (neben Jerusalem) anderen großen Pilgerstadt, zur Stadt Rom, der Stadt des Petrus. Als Rom begann, Heilige Jahre zu feiern (zunächst alle 100, später alle 50 und jetzt alle 25 Jahre) wollte Santiago das auch.
Im Heiligen Jahr wird Pilgernden beim Durchgehen durch einen bestimmten Eingang in die Kirche, die ‚Heilige Pforte‘, vollkommener Ablass versprochen. Das bedeutet ein Freisein von Sünde und eine Verkürzung der Zeit im Fegefeuer.
Und tatsächlich konnte der Bischof im 12. Jhdt das durchsetzen. Jetzt feiert Santiago immer dann ein Heiliges Jahr, wenn der Festtag des Jakobus, der 25.Juli, auf einen Sonntag fällt, also alle 5, 6 oder 11 Jahre. Das war 2021 der Fall und wird nächstes Jahr wieder sein.
Auch hier gilt es, ein bestimmtes Tor zu durchschreiten. Dieses hat an den steinernen Türpfosten links und rechts jeweils ein Kreuz eingraviert, auf die man die Hände legt, wenn man die Schwelle überschreitet. So geht man nicht als gebückter, sondern als aufgerichteter Mensch durch diesen besonderen Zugang.

Man wird hinunter geleitet zum Grab des Apostels, zur tiefsten Stelle, und ist eingeladen, alles hinzulegen, was mich niederdrückt, was mein Leben schwer macht, was ich vielleicht schon lange im Lebensrucksack mitschleppe.

Danach wird man hinauf geführt zur Büste des Heiligen Jakobus und darf diese umarmen, sich Kraft und Beistand holen. Wenn man dann die Kathedrale verlässt, landet man auf der ‚ Praza de los vivos‘, dem Platz der Lebenden. Ein schönes Zeichen, vor allem, weil man die Kirche an der ‚Praza de los mortuos‘, dem Platz der Roten betreten hat. Vom Tod zu neuem Leben – das will dieses schöne Ritual der Heiligen Pforte, des Heiligen Jahres, ermöglichen.

Es ist sehr berührend, diese ausgetretenen Stufen zu sehen. Sie führen hinauf zum Apostel. Wie viele Menschen hier schon Segen und Schutz für sich und ihre Liebsten erbeten haben!

Eine kuriose Geschichte dazu:
Gestern Abend machte ich eine Nachtführung in der Kathedrale mit und bekam auch den originalen Schulterumhang dieser Jakobus-Büste zu sehen. Er ist komplett aus Silber und war mit Edelsteinen besetzt. Jetzt hat er einige Löcher und die wertvollen Steine fehlen großteils. Der Grund: beim Umarmen und Küssen haben Pilgernde die Gelegenheit genutzt und einen Stein oder vom Silber abgebissen, das wertvolle Stück hinuntergeschluckt und so mit nach Hause genommen!
Jetzt trägt die Büste nur mehr eine wertlose Nachbildung und Küssen ist auch verboten. Man darf nur Umarmen oder die Hände auf die Schultern legen. Aber ein schönes Ritual ist es trotzdem!

Santiago

Seit ich am Donnerstag hier ankam, wurde in der Stadt gefeiert. Ascensión -Himmelfahrt- hieß das Festwochenende. Täglich gab es Umzüge, Konzerte und einen riesigen Rummelplatz. Und weil ich die Chance nutzen wollte, Santiago einmal von ganz oben zu sehen, bin ich mit dem Riesenrad gefahren.

Vier Tage mache ich jetzt schon Dienst bei der deutschsprachigen Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela. Wir haben verschiedene Programmpunkte, die sich täglich wiederholen und diese Angebote wurden vom Start an gut besucht. Unser großes Anliegen ist es, die Pilgernden willkommen zu heißen und ihnen ein Stück Anker zu sein in dieser Stadt, die voller Menschen ist. Andererseits wollen wir ihnen auch noch ein bisschen Mehrwert zu ihrem Pilgerweg dazulegen. So ist es uns ein Anliegen, die Froh-Botschaft der Kathedrale zu vermitteln.

Da ist zum Beispiel das Südportal, das früher die Menschen verabschiedet hat. Segnend grüßen Christus, Abraham, Moses in der Mitte.

An den beiden Seiten sehen wir die Erschaffung des Adam und der Eva. Nicht ein großer Gott in Menschengestalt, der ein kleines Menschlein aus Erde formt, sondern ein Mensch auf Augenhöhe Gottes wird geschaffen. Gott legt den Menschen liebevoll die rechte Hand auf das Herz: ‚du bist gut, du bist richtig, wie du bist, weil ich dich so gewollt habe. Ich hab dich gern. Und nun geh vertrauensvoll in die Welt.‘ Und Adam macht einen ersten Schritt.

Noch liebevoller ist die Erschaffung der Eva, wo Gott auch die rechte Hand auf ihr Herz, die linke aber auch noch in den Nacken legt. Ein Zeichen liebevoller Zuwendung.
Diese Zusage des Segens und des Geliebtseins gilt nicht nur für die ersten Menschen, sondern sie gilt für uns alle, daran dürfen wir glauben und und angenommen und wertgeschätzt fühlen.

14.⁠ ⁠Mai: Monte do Gozo – Santiago

Ankommen und erwartet werden

Es waren gestern nur wenige Pilgernde, die sich in dem riesigen Pilgerzentrum einquartierten. Mit einer davon, Paula aus Holland, besuchte ich abends die Messe in der kleinen Kapelle San Marcos, die es seit dem 12. Jhdt gibt. Der Besuch war gut, alles gallicische Frauen, die die Gebete unglaublich schnell sprechen und damit schon beginnen, bevor der Priester überhaupt ausgeredet hatte. Herunterratschen könnte man es auch nennen. Aber die Messe war überraschend nett gestaltet, der Priester begleitete alle Lieder selbst mit der Gitarre. Danach kehrten wir noch kurz ein und kommunizierten die ganze Zeit auf spanisch, was Paula sehr gut spricht.

In Demut und großer Dankbarkeit ging ich heute die letzten vier Kilometer. Dankbar dafür, dass alles gut gegangen ist, dass ich diesen Weg gehen konnte, dafür, dass mir diese Zeit geschenkt ist. Dafür, dass es ein Ankommen ist. Ich fühle mich hier ein Stück zu Hause und darf noch bis Ende Mai hierbleiben.
Nach den obligatorischen Fotos und einem guten Frühstück meldete ich mich bei der Pilgerseelsorge. Wir bereiteten alles vor und morgen um 9 Uhr werden wir mit der ersten Messe starten. Und dann geht das Programm täglich von morgens bis abends im selben Rhythmus weiter. Meine täglichen Berichte sind dAmi zu Ende, aber ich werde euch ab und zu an meinem Tun hier teilhaben lassen.

Heute am Feiertag gibt es hier zahlreiche Umzüge und Konzerte. Ein schönes Willkommens fest!

13.Mai: Tabernavella – Monte do Gozo

Es grünt

Den schönen Garten bei Heidis Albuerge konnten wir gestern nicht nützen, es hat den ganzen Nachmittag und Abend geregnet. ‚In Gallicien wird jedes Kind mit einem Regenschirm geboren‘, las ich in einem kleinen Büchlein mit Jakobsweg-Geschichten. Und tatsächlich habe ich in den letzten Tagen viele Menschen mit – zugeklappten- Regenschirmen gesehen. Sie lieben ihre Schirme und wenn sie kaputt werden, werden sie hier angeblich auch repariert und geflickt. Jetzt hab ich tatsächlich ein schlechtes Gewissen, meinen Schirm wegzuwerfen…
Um Heidis Tisch saßen wir gestern zu acht, und bis auf zwei Texaner, die aber mit ihrer deutschen Nichte unterwegs waren, sprachen alle deutsch. Heidi umsorgte uns mit gutem Essen und vor allem mit launigen Geschichten aus ihrem Leben. So erzählte sie von ihrem Hahn, den sie nach dem spanischen König ‚Juan Carlos El Primero‘ nannte, und vor dem sogar der Briefträger eine Verbeugung machte, um sich nicht den Unmut des Tieres zuzuziehen. Die letzten drei Wochen verbrachte der Hahn krank auf Heidis Couch, in der Nacht in ihrem Arm schnarchend.
Ein anderes Mal löste die äußerst tierliebende Heidi einen Polizeieinsatz in einem Dorf am Camino aus, weil einige Hunde dort an der Kette gehalten wurden und das in Galicien nicht mehr erlaubt ist, aber auch von der Polizei als ’normal‘ bezeichnet wird. Ziemlicher Tumult inklusive..
Heidi liebt es, ihre Gäste mit solchen Geschichten zu unterhalten und die Gäste haben einen unvergesslichen Abend auf dem Camino und kommen gern wieder.

Heute also der letzte richtiger Pilgertag. Vier Kilometer sind es morgen nur mehr. Es hat mich richtig weitergezogen durch dieses wunderschönen Wälder. So viele Vogelstimmen hörte ich, unglaublich wie laut diese kleinen Tiere zwitschern können!

Und es duftete oft so gut nach den Eukalyptus-Bäumen. Die sind aber eigentlich eine Plage. Sie wurden aus Australien eingeführt und werden für die Papier- und Zellstoff-Produktion verwendet. Mit ihren Pfahlwurzeln saugen sie aus tiefer Erde das Grundwasser auf, angeblich bis zu 500 Liter pro Baum pro Tag! Das ist natürlich ein Problem für die anderen Bäume. Auch bei Waldbränden sind diese Bäume exzellenter Zündstoff. So gibt es jetzt ein Gesetz, dass kein Eukalyptus mehr gesetzt werden darf.

Ich bin in Monte do Gozo, am Berg der Freude, in einer riesigen Herberge aus den Zeiten des Papstbesuches. Der Großteil der Gebäude ist geschlossen und wird gerade renoviert.
Hier kann man das erste Mal die Stadt Santiago und die Türme der Kathedrale erblicken, jetzt bin ich dem Ziel ganz nahe.

12.⁠ ⁠Mai: Melide – Tabernavella

Ge-wichtig

Auf diesen Tag hatte ich mich gefreut: in der Stadt Arzua stoppte ich wie jedes Mal, wenn ich hier gehe, in der Churrería für die besten Churros con Chocolate. Und ein Bett habe ich schon vor einigen Tagen bei Heidi reserviert. Sie ist Österreicherin mit Wurzeln im Weinviertel. Wenn immer möglich, mache ich in dieser gemütlichen Herberge in Tabernavella Halt. Hier wird es auch wieder ein gemeinsames Abendessen geben. Schade nur, dass es das Wetter nicht zulässt, dass wir den schönen Garten nützen. Etwas mehr als 30 km vor Santiago de Compostela.

So kurz vorm Ziel mache ich einen Kontrollblick in meinen Rucksack – und ich bin zufrieden. Ich habe sehr gut gepackt und fast alles gebraucht, was ich mithatte. Leider auch die Regenausrüstung. Unnötig waren einzig Sonnenbrille und Sonnencreme. Und Gott sei Dank auch einige Pflaster und Schmerztabletten. Ich bin ohne größere Blasen und Wehwehchen durchgekommen und dafür sehr dankbar.
Meinen Gürtel hab ich auch nicht gebraucht. Ich nahm ihn mit für den Fall, dass die Versorgung auf dem Weg mich wieder einige Kilos verlieren lässt. Das war diesmal nicht der Fall, es gibt genug Bars und auch als Vegetarierin komme ich ganz gut durch.
Ein 30 dag schwerer Luxus, den ich mir diesmal jedoch gegönnt habe, war meine elektrische Zahnbürste.
Das Allerwichtigste in diesen 10 Tagen aber war meine schwarze Fleeceweste. Sie habe ich praktisch immer getragen, bei Tag und meist auch bei Nacht. In den Quartieren gab/funktionierte oft keine Heizung und es war manchmal wirklich kalt.
Ich beginne auch, unabsichtlich Ballast abzuwerfen: die Regenhülle meines Rucksacks habe ich irgendwo verloren oder liegen gelassen, und heute mein Schlauchtuch, weil ich es als Sitzunterlage auf dem kalten Sessel verwendet habe. Und mein Schirm ist auch kaputt, er leistet nur mehr sehr notdürftig Dienst und wird in Spanien bleiben. Da, wo er so viele Jahre und km mit mir auf dem Weg war. Leider gab es heute immer wieder Regen und dafür war ich nicht mehr optimal gerüstet.

11.⁠ ⁠Mai: Ventas de Narón – Melide

Bauernleben

Zum gestrigen Muttertag passt auch der heutige Todestag unserer Mutter. Als ich 2017 hier unterwegs war, habe ich wöchentlich mit ihr telefoniert.
Hier ist das Bauernleben noch so, wie sie es erlebt hat. Kleinteilig, übersichtlich und mit vielen Tieren – Hendeln, Kühen, Katzen, Hunden (oft an der Leine). Hier hätte es ihr gefallen. Sie hat ihre Kühe immer sehr geliebt und ich erinnere mich an die Tränen beim Abschied von jeder Kuh.
Leider verfallen viele Häuser und Gehöfte, die Jungen ziehen weg und nur die Alten bleiben. Und auch viele Felder sind nicht mehr bestellt.

Nachdem ich die letzten Tage Städte als Etappenziel übersprang, habe ich mich heute entschieden, in Melide zu bleiben. Das liegt daran, dass auf den Kilometern vorher keine Herberge war und ich ganz gut unterwegs war. So kam ich wieder auf 30 Tageskilometer und kann den morgigen Tag sehr ruhig angehen.
Melide ist die Stadt des Pulpo: gekochte Krake mit Öl, Salz und Paprika, das ist die gallicische Spezialität, die in den ‚Pulperias‘ serviert wird, und dafür ist Melide berühmt. Ich hab beim Spaziergang durch die Stadt allerdings keine einzige Pulperia gesehen, sondern nur sehr viele Pilgerherbergen und eine Deko-Krake über einem Mobilfunk-Geschäft. Es wäre nur interessehalber gewesen, gegessen habe ich eh in einer Pizzeria.

Wichtig ist, spätestens um 16 Uhr im Quartier zu sein, denn auch wenn es tagsüber oft schwarze Wolken und kleine Regenschauer gibt, am Nachmittag und auch abends regnet es verlässlich. Inzwischen bin ich schon bei fast U50 und es tut mir leid, dass diese Tage so schnell zu Ende gehen.

10.⁠ ⁠Mai: Barbadelo – Ventas de Narón

Muscheln

Von den Pilgermassen, die angeblich auf den letzten 100 km unterwegs sind, merkte ich heute nichts. Ich bin gut antizyklisch unterwegs, gehe durch die Pilgerstädte durch und suche mir erst einige Zeit später ein Quartier. Die Stadt war heute Portomarin. Aufgrund eines Staudammes wurde sie geflutet und am Hügel oben wieder aufgebaut wurde. Stein für Stein. So auch die Kirche. Ich wäre gern hineingegangen, aber leider war sie geschlossen. Gut, dass zumindest das Café offen hatte, in dem ich einer Kaffeepause genoss, während es draußen wieder einmal schüttete. Wie gern würde ich euch diese dauernden Regenwolken ins Weinviertel schicken!

Wie gestern gestaltete sich auch heute die Quartiersuche etwas schwierig. Einige Herbergen sind einfach ohne Vorwarnung geschlossen. Heute musste ich noch 5 km weiter gehen, insgesamt waren es über 30. Aber meist unterwegs bergauf und bergab auf schönen Waldwegen und beeindruckt von den Baumriesen und von deren Resilienz. Auf einen Kastanienbaum ist ein Dach gebaut. Trotzdem treibt er wieder aus!

Den 100 km-Stein hab ich heut auch passiert, ich war dabei anscheinend so überwältigt, dass ich die falschen Stöcke genommen und weiter getragen habe. Da hab ich ein ziemliches Durcheinander ausgelöst! Aber das Geschrei hat mich aufmerksam gemacht und ich hab die falschen Stöcke zurückgebracht. Sie waren sowieso viel zu lang!

‚Deine Muschel hat drei Kinder!‘, sagte voriges Jahr einmal eine Pilgerfreundin, mit der ich das Zimmer geteilt habe, zu mir. Das war mir selbst noch gar nicht aufgefallen. Muscheln sind ja das Symbol der Jakobspilgernden. Ich habe diese bei unserer Busreise 2011 gekauft und trage sie auf allen meinen Pilgerwegen mit. Die Muschel mit den drei Kindern und meine eigenen drei Kinder im Herzen.
Es ist dies heut das erste Mal, dass ich am Muttertag nicht mit der Familie zusammen bin. Das macht mich ein bisschen traurig. Aber in der Muschel ist meine Familie mit mir unterwegs.

9.⁠ ⁠Mai: A Balsa – Barbadelo

Gestern hatte ich tatsächlich die ganze Herberge für mich allein. Jessica kochte ein ausgezeichnetes Menü für mich und gab mir auch gleich die Rezepte für veganen Kuchen und Mayonnaise mit. Und sie erzählte mir die Geschichte ihrer Liebe und ihrer Herberge. Wie sie, Italienerin, und ihr Mann, Holländer, sich am letzten Tag ihrer je eigenen Caminos kennenlernten, einige Monate später trafen und die Idee zu diesem Projekt hatten. Ein Jahr später kauften sie das Haus, damals eine Ruine, was man noch im angrenzenden Teil sehen kann. Ohne Geld, aber mit viel Begeisterung und Zukunftsträumen vom Leben in unberührter Natur. Crowdfunding und die Renovierung in Eigenregie ermöglichten das Projekt, von dem sie jetzt sagt, dass es eigentlich verrückt war. Dazu noch die engstirnige gallicische Einstellung mancher Menschen! Das Leben ist nicht immer so einfach, wie man es sich mit 25 vorstellt. Vor allem, wenn man auch für ein Kind verantwortlich ist und wirtschaftlich überleben muss.

Auch wenn ich die einzige Pilgern in der Herberge war, so war es doch ein sehr netter Abend. Ich steuere gerne Herbergen mit gemeinsamem Abendessen an, da ich so andere Pilgernde kennenlerne und mir nichts zu essen organisieren brauche. Einige Male war ich auch in Municipales, also öffentlichen Herbergen, wo man auf jeden Fall einen Platz findet. Da gibt es immer eine Küche, in der die Pilgernden kochen können. Wenn das aber viele machen, ist mir das zu laut und zu viel Durcheinander. Es sind da etliche Gruppen, die sich zusammengetan haben. Nachdem ich aber erst sehr spät auf diesem Weg gestartet bin und immer und auch gern alleine gehe, gehöre ich keiner Gruppe an und ich beobachte dann lieber, wer denn so auf dem Weg ist.
Es ist hier im Moment eine bunte Mischung aus alt und jung (20-30 Jahre), und aus sehr vielen Ländern der Erde. Nicht so wie im Herbst, als die Übersee-Menschen so stark dominiert haben, dass ich mich nicht mehr wohl fühlte.
Es gibt natürlich Pilgernde, die ich öfter wieder treffe, oder nach längerer Zeit. Wie zum Beispiel heute den französischen Onkel mit seiner Nichte, mit denen ich schon in Rabanal nett in spanisch-französischen Kauderwelsch geplaudert habe. Wir drei sind die einzigen in der Herberge, kurz nach der Stadt Sarria. Dort starten meist sehr viele neue Pilgernde, um sich nach 100 km dann in Santiago die Compostela abzuholen. Denn diese ist in Spanien oft Bedingung bei Bewerbungen, etc.

In Sarria war heute großes Fest mit Jahrmarkt, Traktorenschau und Folkloreumzug

8.⁠ ⁠Mai: O’Cebreiro – A Balsa

Gallicien

Die gestrige Messe war sehr berührend. Die Kirche von O’Cebreiro ist ein Kraftplatz, sie war voll, der franziskanische Priester hat es sehr unkompliziert angelegt und bei manchen Liedern konnten fast alle mitsingen. Zum Schluss gab es den Pilgersegen in den Sprachen aller, die da waren, darunter auch mandarin, russisch, koreanisch und natürlich viele europäische Sprachen. Hier in der Kirche wird auch der Kelch ausgestellt, in dem sich das ‚Blutwunder‘ ereignet haben soll. Eines dieser Ereignisse, die der jugendliche ‚Influencer Gottes‘ Carlo Acutis zusammengesammelt hat, wofür er vor kurzem heilig gesprochen wurde.

Als wir aus der Kirche kamen, fiel Nebel ein, das erzeugte eine zusätzlich mystische Stimmung, aber es war auch bitterkalt und windig. Und um 22 Uhr färbte die untergehende Sonne den Himmel bunt.

‚Täglich Regen in Gallicien‘, so sagt man. Gestern hatte ich ja die Grenze passiert und heute Morgen regnete es tatsächlich. Zuerst versuchte ich noch, dieses nasse Wetter mit einem ausgedehnten Frühstück auszusitzen. Aber es wechselte lediglich die Intensität des Regens und so akzeptierte ich, dass das halt ein Tag ist, an dem ich frierend und durchnässt in der Herberge ankommen werde. Da hilft nicht einmal der Sockentrick: wenn man keine Handschuhe mithat, zieht man sich einfach die Socken an den Händen an. Und es ist auch wenig Trost, dass der Rucksack immer leichter wird, weil ich alles am Körper trage ..
Erst als es am Nachmittag doch trockener wurde, packte ich das Handy wieder aus. Grund dafür war dieser 100 Jahre alte Kastanienbaum, dessen einzelne abgestorbene Teile schon 800 Jahre hier stehen. Laut Infotafel ist dieser Baum das meistfotografierte Naturdenkmal Galliciens.

Zwei solcher Bäume stehen auch gleich neben der Herberge, in der ich heute eingecheckt haben. Zwei Pilgernde, die sich auf dem Weg kennen und lieben gelernt haben, haben sich an diesem ruhigen und idyllischen Ort kurz nach Triacastela ein Bauernhaus gekauft und es in Eigenregie zu einer schönen Herberge umgebaut. Und das Besondere: hier wird abends vegan gekocht! Und man soll auch als Gast keine mitgebrachten tierischen Produkte verspeisen. Für mich ist das in Ordnung, ich sitze bei meinen Nüssen. Aber großen Zuspruch dürfte das Konzept zumindest heute leider nicht haben. Es scheint, dass ich heute die einzige hier bin.