(zum) Kreuz tragen

Im Kloster hätte ich auch länger bleiben können, aber gestern abend spürte ich, dass ich mich schon wieder auf den Weg freute. Und der war heut ein ganz besonderer: zuerst passierte ich das kleine Bergdorf Foncebadón: hier fand im 10. Jhdt sogar ein Kirchenkonzil statt, um 2000 war es dagegen verlassen und verfallen. Durch den Camino wird es wieder belebt, weil es nur 2 km vom Cruz de ferro entfernt ist. Bei diesem Eisenkreuz auf einem hohen Eichenstamm legen alle Pilgernden seit Jahrhunderten Steine ab als Symbol für das Schwere, das sie hierher mitgetragen haben.
Für mich war der Weg noch mal 400 Höhenmeter bergauf nicht so sehr das Problem, sondern der starke, kalte Gegenwind. ‚Wie in meinem Leben‘, dachte ich mir. Nur dass ich mich hier auf dem Weg mit Jacke, Schal und Socken, die ich über die Hände streifte, schützen konnte. Im Persönlichen ist mir das leider oft nicht so gut gelungen. Und so hatte ich natürlich auch einen Stein von zu Hause mitgebracht, den ich auf den Steinberg dazu legte.

Auf der anderen Seite des Passes ging es auf steinigen Wegen durch das idyllische Bergdorf El Acebo wieder hinunter bis nach Molinaseca. Der Fluss, der hier gestaut sein sollte, ist leider fast ausgetrocknet.

Die Zusammensetzung der Pilgernden hat sich in der letzten Woche sehr geändert: Praktisch keine SpanierInnen sind mehr auf dem Weg, die Zahl der Deutschen ist prozentuell gestiegen, aber auch sehr viele Englischsprachige aus der ganzen Welt sind jetzt unterwegs. Viele haben in León oder erst in Astorga angefangen, sodass es heute das erste Mal auf dem Weg etwas dichter und für mich auch lauter war. Umso mehr freute ich mich, dass ich in der Albuerge heute eine Einzelkabine mit Doppelbett bekam.

Klosterreich

Es war eine gute Entscheidung, mich heute nicht auf den Weg zu machen: es war den ganzen Tag extrem kalt und windig! September in Spanien auf 1156 m.
An diesem Weg gibt es viele Menschen, die es sich zum Ziel gemacht haben, Pilgernde zu unterstützen. Eine davon ist die kleine benediktinische Klostergemeinschaft hier in Rabanal, die anbietet, auf dem Weg eine Pause zu machen. Hier finden Pilgernde für zwei Nächte (oder auch länger) Unterkunft, Essen und die Möglichkeit, an den Gebetszeiten der Mönche teilzunehmen. Gebetet und gesungen werden Psalmen und gregorianische Choräle in der romanischen Kirche direkt neben dem Kloster. Sie stammt aus dem 11. Jhdt und es herrscht hier eine ganz besondere Stimmung. Die drei Mönche erzählen, es sei durchaus realistisch, dass auch Franz von Assisi auf seinem Jakobsweg hier gebetet hat. Diesen Ort musste man nämlich schon immer passieren, um den Pass vom Monte Irago zu überqueren. Das heißt, seit 1000 Jahren werden hier in dieser Kirche dieselben Psalmen gesungen und gebetet. Ein faszinierendes Gefühl!

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Schon die alten Römer ..

.. bauten ihre Stadt ‚Asturica Augusta‘ an der Stelle, wo heute Astorga liegt und dementsprechend gibt es in der ganzen Stadt römische Ausgrabungen. Auch hier steht ein Gebäude von Gaudí: der schöne Bischofspalast wurde nie als solcher verwendet und ist heute Museum. Daneben die Kathedrale ist leider nur für Messbesuche geöffnet. Schade und traurig.

Ab Astorga verändert sich die Landschaft. Unfruchtbare und steinige Böden und ganz besondere Häuser gibt es in der ‚Maragateria‘. Das Dorf ‚Castrillo de los Polvozares‘ ist ganz im mittelalterlichen maragaterischen Stil renoviert mit unglaublich buckeligen Straßen und wunderschönen Häusern. Dorthin nahm ich einen sehr individuellen Umweg, der dürfte eine alte Römerstraße gewesen sein – im Rückblick direkt die Kathedrale von Astorga.

Mein Weg führte mich heute bis zum Benediktinerkloster von Rabanal. Hier werde ich einen Tag Pause vom Weg machen, das was war, wirken lassen und mich auf die letzten 12 Tage bis Santiago einstellen.

Unter Geiern..

… bin ich gleich zu Beginn des Camino gepilgert, jetzt eher unter Krähen und Schwalben. Vom ‚Vogelparadies‘ Meseta hab ich leider nichts wahrgenommen. Auch von den Störchen, die es hier geben soll, hab ich nur einige Nester auf Kirchtürmen entdeckt, obwohl sie angeblich erst im Oktober in den Süden fliegen – und das auch nur bei kaltem Winter. Überhaupt hab ich hier auf den weiten und riesigen Feldern noch kein einziges Wildtier gesehen – weder Hase, noch Rebhuhn oder Fasan, geschweige denn ein Reh. Trotzdem beobachte ich immer wieder morgens Jäger, bzw. höre auch ihre Schüsse – und frag mich, was sie erlegen wollen?
Die einzigen Tiere, die ich sehe, wenn es neben mir am Weg raschelt, sind nicht Mäuse, sondern Eidechsen in jeder Größe. Im Ort kann das dann auch schon mal ein Leguan sein.

Vom Weg gibts heut nicht viel zu erzählen: eigentlich wollte ich meiner Tagesetappen-Planung entsprechend heut nur 15 km gehen, diese hab ich aber – ausnahmsweise in ein nettes Gespräch verwickelt – schon vor Mittag erreicht. Das war dann doch zu früh und so ‚lief ich‘ (wie ich mir inzwischen zu sagen angewöhnt habe ;-)) noch weiter bis knapp vor Astorga. Hier in San Justo de la Vega hab ich eine schöne Albuerge gefunden, wo wir im Moment nur zu dritt sind. Und alle sprechen deutsch.

Ziemlich spanisch!

Gestern Abend besuchte ich die Pilgermesse mit speziellem Segen in der Kirche San Isidoro.
Um 21.00 Uhr gab noch ein maltesischer Chor ein Konzert in der Kathedrale. Sie machen eine Tour auf dem Jakobsweg und singen jeden Abend in einer Stadt, gestern zufällig in Léon. Das wollte ich hören!
Dass die Spanier Weltmeister im Schlange stehen sind, hatte ich ja schon letzten Oktober in Barcelona gesehen. Aber dass über den gesamten Platz vor der Kathedrale und noch 100 m in die Gasse die Menschen anstehen, um in die Kirche zu gelangen, das war doch besonders! Ich reihte mich ein und wartete geduldig. Es gab keinen Eintritt und so ging es relativ schnell. Das ganze Konzert war mir dann doch zu lang, und so wollte ich zwischendurch gehen. Das äußere Gitter vor der Kathedrale war jedoch mit Vorhängeschloss versperrt! Die Portiere waren in der Kirche, sie wollten sich auch das Konzert nicht entgehen lassen. Es dauerte eine Weile, dann kamen sie missmutig und öffneten mir und den etlichen anderen, die hinaus wollten. Nicht auszudenken, was bei einer Massenpanik passiert wäre!

Von Léon weg entschied ich mich für die Alternativroute, die 4 km länger ist, aber nicht als Fußweg neben befahrenen Straßen führt. Auf diesen ewig geraden Strecken mit den vorbei fahrenden Autos verliere ich leicht den Spaß am Gehen. Insgesamt hab ich heut auf dem Weg sieben Pilgernde gesehen, aber hier in der Albuerge ist es recht voll. Viele sind offenbar erst in León eingestiegen und schon früher weg. ‚Paradise of Jesús‘ nennt sich dieses Haus in Villar de Mazarife, wo ich heut die Nacht verbringen werde.

León

Es waren etwas über 18 km bis León: sechs davon neben einer Schnellstraße, auf der die LKWs vorbeibrausten. Dann war ein größerer Hügel zu bezwingen. Als ich aber auf einer coolen blauen Fußgängerbrücke über die Autobahn das erste Mal León sah, machte das Gehen wieder Spaß. Ohne Pause bis zum Zentrum – und als Belohnung gabs einen Orangensaft vor der Casa de Botines, die Antonio Gaudí geplant hat.
In einem Studentenwohnheim, das von Ordensschwestern betreut wird, nahm ich mir diesmal ein Einzelzimmer und hielt eine ausgiebige Siesta, danach machte ich mich auf den Weg in die Stadt. León – der Name kommt von ‚Legion‘ – war eine römische Stadt und die Überreste dieser Zeit sind allgegenwärtig.

Die Kathedrale ist die schönste gotische Kathedrale Spaniens, im französischen Stil erbaut. Diesen kenn ich ja ausgiebig von unserer Frankreichreise Anfang August. 200 Glasfenster mit 1.800 m2 Fensterfläche sind original erhalten und zaubern eine wunderschöne Stimmung in dieses Gotteshaus.

Wie schon 2011 nahm ich auch diesmal bei einer Führung im Pantheon der Könige teil: hier wird ein Kelch gezeigt, der aus römischem Achat gemacht ist und der Legende nach von Jesus beim letzten Abendmahl verwendet wurde. Die Fresken in der königlichen Grabkammer stammen aus dem 11. Jhdt und sind wunderbar erhalten, obwohl sie noch nie restauriert wurden.

Diese Stadt hat ein besonderes Flair. Schön, dass ich Zeit habe, dieses auch zu genießen.

On the road again

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27 km lang hätte ich heut das immer gleiche Foto machen können: Weg neben Landstraße. Das hat sich ziemlich gezogen, auch deshalb, weil ich erst nach 8 weggegangen bin und es nach längerer Zeit wieder richtig warm war.
Gestern abend waren wir in der Albuerge nur neun Gäste. Wir sangen einige Lieder und ich fragte dann, wenn die anderen denn aufstehen würden. Niemand von uns hatte auf dem Camino bis jetzt einen Wecker verwendet, weil man normalerweise eh von den anderen geweckt wird. Bekannt sind vielen die drei Frauen aus Südkorea, die um vier herumrascheln und dann bald losstarten. Sie fürchten die Sonne und haben ihre Körper und Gesichter ganz bedeckt.
Jedenfalls haben wir alle bis nach 7.00 geschlafen, und die Hospitaleros hatten Mühe, uns nach dem Frühstück bis 8.00 aus dem Haus zu haben.

Mit dem heutigen Tag hab ich die Hälfte meiner Tage in Spanien erreicht. Ich bin heut in Mansilla de las Mulas, 20 km vor Leon. Das werde ich morgen mittag erreichen.

Hier auf der Karte könnt ihr sehen, wie weit ich schon bin, dabei ist das französische Stück über die Pyrenäen gar nicht eingezeichnet!ce2590f7-dd74-4ff0-9af0-b74b39cf1032.jpg

Sonntag

Spontan hab ich mich entschlossen, diesen Tag hier in Bercianos zu verbringen und nicht zu gehen. Daher gibts heut keinen Wegbericht.
Dafür erzähle ich euch etwas über den anstrengenden Tagesablauf der Hospitaleros (die Ehrenamtlichen aus der ganzen Welt, die die kirchlichen und öffentlichen Herbergen für jeweils zwei Wochen betreuen): Sie müssen sehr früh raus aus den Betten, um für die Pilgernden das einfache Frühstück herzurichten. Dieses gibt es ab 6 Uhr und trotzdem stehen wie heute immer wieder Menschen schon um 5.40 da und wollen frühstücken. Die bekommen aber noch nichts, weil es eben die Richtlinie 6.00 gibt. Bis 8.00 müssen alle das Haus verlassen haben. Dann wird das ganze Haus geputzt, alle Betten (sie haben einen plastikähnlichen Bezug) und Nassräume werden desinfiziert, um zu verhindern, dass sich Schädlinge einnisten. Die Gefahr von Bettwanzen und anderen Untieren ist bei so vielen Menschen groß und ich hab auch schon Pilger gesehen, die total zerbissen waren. Bis man mit dem Putzen fertig ist, ist es fast Mittag. Dann gibt es eine kurze Pause. Ab 13.30 Uhr wird die Herberge wieder für die neuen PilgerInnen geöffnet. Alle müssen registriert werden, dann wird ihnen gezeigt, wo die Schuhe ausgezogen, die Stecken deponiert werden, wo der Waschplatz ist und wo man die Wäsche aufhängen kann. Nebenbei wird – oft mit den Gästen gemeinsam – das Abendessen gekocht. Wobei man aber bis zum Schluss nicht weiß, wie viele tatsächlich mitessen werden, weil Pilgernde ja bis zum Torschluss kommen können. Gestern waren wir z.B. 36 Personen. Nach dem Essen gibts in den kirchlichen Herbergen noch ein gemeinsames Abendgebet, das freiwillig ist, und durchaus sehr intensiv und persönlich sein kann. Dann ist es 22.00 Uhr, die Tür wird versperrt und die Hospitaleros können ins Bett gehen – bis zum nächsten Morgen um 5.00 Uhr!
Obwohl dieser Job extrem anstrengend ist, machen Andrea, Ernst und viele andere ihn mit Begeisterung und das spürt man in der herzlichen Atmosphäre, die in vielen Herbergen herrscht.
An diesem freien Tag hab ich bei einem Spaziergang einige schöne Lehmhäuser, bzw die Reste davon entdeckt. Völlig anders sieht hingegen die Kirche aus.

Und immer kälter

Bei 7° startete ich am heutigen Morgen! Ich hatte sämtliches Zusammenpacken meiner Zimmerkolleginnen verschlafen und bin erst um 7.15 Uhr aufgewacht. Tagsüber schaffte ich es dann aber bis T-Shirt und aufgestrickter Hose. Nach den gestrigen langen Geraden war es heute wieder abwechslungsreicher zu gehen.
Ich besuchte Sahagun: hier wird die offizielle Streckenteilung des spanischen Weges mit einer ‚Pforte‘ markiert. Die von außen sehr schöne romanische Kirche San Lorenzo war leider geschlossen. Dafür gabs einen richtigen Jahrmarkt mit Marktschreiern und der neuesten Herbstkollektion.

In dieser Gegend gibt es anscheinend Lehmboden. Viele Häuser sind aus Lehmziegeln oder mit Lehm verputzt und es gibt auch richtige Erdkeller.

Wenn Pilger miteinander ein Gespräch beginnen, ist die erste Frage nach der Nationalität. Ziemlich bald danach wird nach der Motivation für diesen Weg gefragt:
Ca. zwei Drittel geben dabei an, dass sie auf diesem Weg sind, um den eigenen Weg zu finden: Schülerinnen und Studenten nach dem Abschluss, Menschen, die das Arbeitsleben abgeschlossen haben oder für die eine Veränderung ansteht.
Manche gehen auch aus Dankbarkeit für ein gutes Leben, andere pilgern auf diesem Weg für solche, die es nicht mehr können: Für die verstorbene Patentante oder den verstorbenen Neffen.
Einen einzigen hörte ich bis jetzt sagen, er mache es für seine körperliche Fitness, ein andere weil es einfach cool ist. Manche haben den Weg schon einmal selbst gemacht und wollen ihn jetzt ihren Partnern zeigen (die sind manchmal aber nicht so begeistert).

Eigentlich wollte ich heute ja eine schönere Alternativroute gehen, aber von meiner ‚Vorhut‘ Nora, Elena und Felix hab ich erfahren, dass in Bercianos seit gestern ein österreichisches Paar die Herberge betreut. Da wollte ich natürlich hin! Meine Sehnsucht, mal richtig Dialekt zu sprechen, wird bei Andrea und Ernst aus der Steiermark voll erfüllt.

Einfach nur geradeaus

Das waren die heutigen ersten 18 km durch die Meseta ohne inzwischen ein Dorf zu passieren. ‚Eine Herausforderung für Körper und Seele‘ stand im Reiseführer. Nun, so schlimm war es nicht, wir hatten es ziemlich kühl. Den Pulli hab ich erst am Nachmittag ausgezogen. Fad und lang war es allerdings schon.

Noch kurz zum gestrigen Quartier: es wird von Schwestern des Augustinerordens betreut, die sind momentan aber in Urlaub und wurden von sechs Studenten des Priesterseminars und ihrem Rektor (wieder ein Jesús) vertreten. Sie luden zum internationalen Miteinander Singen ein und gestalteten auch die Messe musikalisch. Das erste Mal, dass wirklich viel und schön gesungen wurde. Danach gab es für alle Pilgernden einen speziellen Einzelsegen. Beeindruckend, aus wie vielen Ländern Menschen hierher kommen! Später kochten wir mit den Studenten und aßen gemeinsam. Die einzelnen Pilgernden wurden eingeladen, sich mit Namen, Nationalität und Motivation für den Camino vorzustellen. Erstaunlich, dass nur der Rektor und ein zweiter junger Mann englisch sprachen – und das mit starkem Akzent. Die anderen kamen aus Afrika und Südamerika und es war sehr schwer, sich zu verständigen.

Heute ist der 1. September, das heißt, der erste Tag meines Sabbatjahres. Alle, denen ich das erzähle, beneiden mich. Ich bin meinem Arbeitgeber sehr dankbar, dass das möglich ist. Und dankbar bin ich auch meinen drei Söhnen, die mich ziehen ließen, ohne mir ein schlechtes Gewissen zu machen.
Übrigens ist David der Blog-Manager: Für mich ist es viel leichter, über Whatsapp zu schreiben, das geht auch tagsüber und im Flugmodus. Ich brauch Bericht und Fotos dann nur David schicken und er erledigt den Rest. Dankeschön!

Mein Weg führte mich heute bis Terradillos de los Templarios und irgendwo auf der Strecke hab ich die 400 km – Marke passiert. Sie Hälfte der Strecke ist geschafft, aber die Hälfte der Zeit ist noch nicht vorbei. Ein sehr gutes Gefühl!

 

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