Die Nacht im Logenzimmer war anstrengend: die Spanier feierten lautstark in der Straße, und um Mitternacht marschierte die Blasmusik durch die Gassen und spielte in Endlosschleife immer dieselben Takte. Um 1.00 gabs dann noch ein Feuerwerk!
Als ich morgens erwachte, waren die Betten meiner drei MitpilgerInnen leer. Ich fürchtete, dass ich wieder zu spät dran sein würde und packte meine Sachen zusammen. Als ich dann auf die Uhr sah, war es 5.55! Was sollte ich nun anderes tun als losstapfen? Frühstück in der Bar mit den betrunkenen Spaniern schien mir keine echte Alternative. So machte ich mich auf den Weg: Im Dunkeln allein auf Feldwegen irgendwo in Spanien. Wie verrückt bin ich eigentlich?
Ein wunderbarer Sonnenaufgang und das gute Gefühl beim Frühstück, schon ein Drittel der Etappe des heutigen, sehr heißen Tages gegangen zu sein, machte alles gut.
Während des Tages fühlte ich mich auch in der Endlosschleife: staubig, Schotter, heiß, unzählige Meter in der Höhe und natürlich in der Weite. Bei 19 km beschloss ich, dass es für heut genug ist und quartierte mich in der pfarrlichen Herberge von Viana ein.
Auf dem Weg stehen immer wieder Kreuze in Erinnerung an Menschen aus der ganzen Welt, die auf dem Weg gestorben sind. Ich war in Gedanken besonders bei meiner Schwiegermutter, die heute vor zwei Wochen gestorben ist, und die mir ein Vorbild war in ihrer Zufriedenheit und in der Geduld, mit der sie ihr Schicksal und ihre fortschreitende Krankheit getragen hat. Es gibt viel, das ich ihr verdanke.
Autor: hermiaufdemweg
Der Weg
… begann heute ziemlich unrund: Nach dem Frühstück in einer Bar musste ich noch einmal in die Albergue zurück, weil ich meine Stecken vergessen hatte. Dann ging ich einige Male im Kreis, ohne wo einen Wegweiser zu finden. Eine freundliche Frau in perfektem Spanisch erklärte mir den Weg, merkte aber bald, dass mein Denken zu langsam für ihr Sprechen war und ging ein Stück mit mir. Ein Spanier am Gartenzaun erzählte mir, dass er diese Woche den 91. Geburtstag hat und ich möge für ihn beten, so wie er es für mich tut. Nach einer sehr kurzen Strecke erreichte ich dann den Fuente del vino, den Weinbrunnen. Dann war wieder alles gut. Da war es allerdings bereits 10 Uhr.
Eine Stunde später luden mich in einem kleinen Ort Kirchenglocken ein. Die Messe begann grade. Zehn Frauen auf der linken Seite und sechs Männer rechts und alle mindestens 75plus. Der einzige jüngere war der Priester. Und der Gesang war auch eine traurige Angelegenheit.
Insgesamt war der Tag recht anstrengend für mich: sehr lange Strecken, sehr heiß, sehr staubig…
Endlich kam ich in Los Arcos an, bekam ein Bett in der ‚Casa Austria‘, sogar in einem Zimmer mit Balkon! Und ihr werdet es nicht glauben: unter diesem Balkon gab es heute ein Bullenrennen! Eine Stunde lang liefen die jungen Männer vor oder hinter den Bullen auf der Straße auf und ab… ziemlich verrückt. Und danach gabs noch Stierkampf in der Arena am Hauptplatz. Und ich hab zu geschaut! Der Camino verändert eben!
Und ich schaue zurück..
Ein ewiges Auf und Ab war der heutige Tag, unterwegs auf römischen Straßen, Brücken und Schotterwegen. Teilweise wars recht anstrengend. Immer wieder blieb ich stehen und blickte beeindruckt zurück auf den Weg, den ich geschafft habe.
Dabei dachte ich auch an die Zeit, die hinter mir liegt: Viele Erlebnisse der vergangenen Jahre gingen mir durch den Kopf und das Lied von Christina Stürmer, zu dem Michi und Martina bei der Dankemesse so viele schöne Fotos ausgesucht haben:
‚Und dann schau ich zurück, zurück, auf die Schatten und das Glück. Wir haben nicht unendlich viel Zeit, sag mir, was wirklich bleibt.‘
Jetzt bin ich gut in Estella angekommen und werde in einer Herberge übernachten, die von Menschen mit besonderen Bedürfnissen geführt wird.
Rückenwind
Vormittags war ich auf der Überholspur unterwegs: ich wollte unbedingt vor der Mittagspause um 13.00 in Eunate sein, um die Kirche zu besichtigen. Wir waren ja schon 2011 da, aber damals war geschlossen. Die achteckige Kirche liegt nicht direkt auf dem Camino. Ich machte also einen Umweg und brauchte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 5 kmh, um rechtzeitig dort zu sein: keine Pausen, Fotostopps und Tempo zulegen unterstützt vom kräftigem Rückenwind … Um 12.58 war ich bei der Kirche und sie war tatsächlich bis 13.30 Uhr geöffnet, das heißt, ich hatte in Ruhe Zeit, sie anzuschauen. Ein Deutscher Bass kam und sang: Heilig, Großer Gott und Amazing grace (Gänsehaut!). Und er war dann noch so nett, mir einige Steinmetzarbeiten an der Kirche zu erklären.
Nach einer ausgedehnten Mittagspause hatte ich es nicht mehr weit nach Puente la Reina, der Stadt mit der schönsten Brücke auf dem Jakobsweg. Aber die fotografier ich erst morgen 😉






Pamplona, olé!
Gestern gabs noch einen besonderen Abend in der Herberge: zwei deutsche Mädels, mit denen ich immer wieder unterwegs bin, spielten auf der Ukulele, die trägt Nora im Rucksack mit. Es gesellte sich der junge Spanier Piedro zu uns an den Tisch: er ist mit dem Rad und seiner Gitarre durch ganz Europa unterwegs und spielte in England, Berlin, Paris, .. als Straßenmusikant. Er verwöhnte uns mit spanischen Balladen und Flamencos.
Der heutige Tag war wieder sehr entspannt zu gehen, das erste Mal durch eine Stadt. Ich fühlte mich wie bei einer riesengroßen, aber einfachen Schnitzeljagd. Das Bett hab ich in einer kleineren Herberge in der Altstadt von Pamplona, und zwar im ‚oberen Stock‘, wie mir die freundliche Dame erklärt hat. Was das bedeutet, könnt ihr vielleicht auf dem Foto erkennen.
Hier werden zu St. Fermín die Stiere durch die Straßen bis zur Arena getrieben.
Während des Tages hat mich heut ‚Gabriellas Song‘ aus dem Film ‚Wie im Himmel‘ begleitet, das Melanie bei der Dankemesse so wunderbar gesungen hat. Ich empfinde eine große Dankbarkeit, dass ich diesen Weg gehen darf!
Heut war der Tag der romanischen Brücken:



Back again!

Dieses Foto ‚Hermi vor dem Schild‘ gibt es auch schon aus dem August 2011. Schon damals – und eigentlich noch viel länger – träumte ich davon, einmal auf dem Jakobsweg durch Spanien zu pilgern. Fast unglaublich, dass ich jetzt tatsächlich da bin!
Der heutige Tag war sehr entspannt zu gehen – 22 km meist durch den Wald, gemütliches bergauf und wieder bergab.
Der Großteil hier sind junge Menschen, sehr viele sind auch allein gestartet. Sie kommen vorwiegend aus Spanien. Frankreich und Italien, manche aus Deutschland, einzelne aus England, Amerika, Mexiko, Portugal, Island … Es ist schön, zu hören, wie sie zwischen verschiedenen Sprachen wechseln und nur so heraussprudeln. Bei mir hingegen ist fast jeder Satz in einer anderen Sprache holprig.
Aus Österreich hab ich noch niemandem getroffen. Bei Pausen, im Quartier redet man miteinander, aber auf dem Weg gehe ich gern alleine.
Eigentlich alle haben Probleme, sich meinen Namen zu merken. Sandra aus Deutschland stellte die Eselsbrücke her, die ich jetzt auch immer verwende: ‚Hermi wie Hermine, die Schwester von Harry Potter.‘ Das funktioniert!
Heute übernachte ich in der öffentlichen Herberge von Zubiri, einem kleinen baskischen Städtchen.





Halleluja!
Ich habs geschafft! Dank Mariazell-Erfahrung hab ich die Pyrenäen ohne große Probleme überquert! Von 200 m in St. Jean gings hinauf auf 1400 m und 26 km in der Distanz. Die Aussicht soll ja atemberaubend sein, das kann ich leider nicht bestätigen, da ich fast den ganzen Tag im dichten Nebel gegangen bin. Teilweise hab ich nicht mehr als 10 m gesehen. Das macht dann doch auch ein mulmiges Gefühl. Ich hatte den Eindruck, ich bin da ganz allein unterwegs, bis dann plötzlich wieder aus dem Nichts andere PilgerInnen, oder auch Pferde oder Schafe auftauchten. Übrigens tragen hier die Pferde eine Kuhglocke – wahrscheinlich, damit sie im Nebel nicht verloren gehen.







Jetzt bin ich in Roncesvalles, hab ein vegetarisches Pilgermenü verdrückt und werd in einem großen, aber neuen Schlafsaal mit vielen anderen die Nacht verbringen. Danke, Sonja, für die Ohropax!
Geschafft!
Die lange Anreise ist geschafft! Um 19.20 Uhr kam ich nach kleineren Problemen und sehr müde in St. Jean Pied de Port an. Im Pilgerbüro holte ich mir meinen ersten Stempel und die Adresse einer Herberge. Ich hatte großes Glück: 9 Personen sind hier untergebracht, die Herbergsleute haben ein 4gängiges Menü serviert und danach gab einer der Pilger noch ein kleines Konzert auf seiner Geige, die er auf dem Pilgerweg mit trägt. Jetzt ist aber Zeit zum Schlafen.
Ankunft in München
So eine Fahrt mit dem Flixbus ist spannend: das Gepäck müssen alle selbst verstauen, was bei großem Koffer und vollen Gepäcksfächern durchaus anspruchsvoll ist. Der Bus hat einen Stock und war total voll. Keine Spur von ‚modernem Reisebus‘. Einmal wurde ich von Schreckensrufen aus der ersten Reihe geweckt: in der Poleposition wirkte die Fahrweise offensichtlich nicht besonders Vertrauen erweckend.
Da wir 45 Minuten Verspätung hatten, durften wir bei der angekündigten Pause doch nicht den Bus verlassen. Dem entsprechend war das Busklo bis unter den Rand voll.
Und dann gabs noch eine Polizeikontrolle: „Sprechen Sie deutsch? Sagen Sie durch: die Polizei möchte die Pässe kontrollieren,“ hörte ich durch den Lautsprecher. Und wenig später in versuchtem Englisch den Fahrer: „control – passports – police – sit!“ Keine Ahnung, welche Nationalität die Fahrer hatten…
Mit einer Stunde Verspätung sind wir in München angekommen. Gut, dass ich erst in einer zusätzlichen Stunde den Anschluss nach Paris habe. Und der kommt auch wieder „15 Minuten“ später…
