In Gottes Namen

Zamora – Fontanilla de Castro

‚In Gods Noma‘, das sagte meine Mutter immer, wenn sie mich mit einem Kreuzchen auf die Stirn zu einem Neuanfang oder einer schwierigen Aufgabe verabschiedete. Genau diese Worte kamen mir in den Sinn, als ich heut bepackt mit Rucksack und Walking-Stöcken an der Tür der Herberge stand und den ersten Schritt hinaus in die Dunkelheit setzte. In Gottes Namen gehe ich und vertraue darauf, dass dieser Weg gesegnet ist.
Ziemlich dunkel war es noch um 7.45, der Sonnenaufgang ließ sich schon erahnen. Bis ich die Stadt verlassen hatte, waren die Pfeile gut sichtbar. Schwierig war es nicht, meist ging es auf elendslangen ‚Pisten‘ gerade aus, und auch evtl. Abzweigungen waren auf verschiedene Varianten, aber gut markiert.

Kaum zu glauben, aber nach der Mittagspause schaffte ich es trotzdem, den Weg zu verfehlen! Weil ich einen Pfeil falsch interpretierte, die Angaben in meinem Buch falsch verstand, insgesamt einfach sicher war, richtig zu sein und stur auf dem falschen Weg blieb. Wie oft passiert mir das wohl auch in meinem Leben?
Dann heißt es halt, sich den Irrtum einzugestehen und umzukehren, beim Camino kostet mich das nur Zeit, im echten Leben viel Überwindung ..
Eine ziemlich einsame Gegend ist das hier. Vormittag waren wir drei Fußpilgernde, die irgendwo in Sichtweite hintereinander gingen. Und immer wieder Radfahrende, die mich überholten. Den ganzen Nachmittag sah ich tatsächlich keinen einzigen Menschen. Und hier in der Herberge sind wir jetzt zu zweit. Es ist eine Albuerge im traditionellen Stil: Am Abend wird für uns gekocht, am Morgen gibt’s Frühstück, und das alles auf Spendenbasis. Ein kleiner Garten lädt zum Entspannen ein, Hund Diva liebt seine Ruhe, Jungkater Noah sucht Beißopfer. So glücklich, müde, entspannt…

Auf dem Weg zum ‚Weg‘

Gestern Abend in Iruñ entdeckte ich eine Jakobsweg -Muschel auf dem Gehsteig und auch einige Pilgernde waren unterwegs. Hier startet ja der Küstenweg oder ‚Camino del Norte‘, den ich 2018 gegangen bin. Es ist ein anspruchsvoller Weg, mit vielen Höhenmetern, aber auch überragenden Ausblicken auf steile Felsenküsten und einigen Sandstränden zum Abkühlen. Die damaligen Tagebucheinträge gibt es noch immer unten auf diesem Blog.
Diesmal wird es ein anderer Weg: Ich war heute noch den ganzen Tag unterwegs, um mit Zug und Bus nach Zamora zu kommen. Diese mittelalterliche Stadt liegt auf dem Jakobsweg ‚Via de La Plata‘, der von Sevilla im Süden Spaniens bis nach Santiago führt. Von hier bis zum Ziel sind es 395 km, zwei Wochen hätte ich dafür Zeit. Das liegt über meinem persönlichen Wochensoll, aber es könnte sich ausgehen.
Zamora hatte seine Blütezeit im Hochmittelalter, es gibt hier viele Baudenkmäler aus der romanischen Zeit. Bekannt ist die Stadt für die Prozessionen in der Karwoche, der ’semana santa‘, in der überlebensgroße Figuren und Figurengruppen durch die Straßen getragen werden. Manche davon konnte ich in der Kathedrale bestaunen.
Diesmal hab ich nicht in einem Hotel, sondern in einer richtigen Pilgerherberge eingecheckt. Sie wird von zwei Frauen aus Kanada betreut, die hier für 2 Wochen Dienst machen und sich sehr liebevoll um die Pilgernden kümmern. Sie freuten sich, mich als erste Frau begrüßen zu dürfen.
Morgen geht es also richtig los. Ich freu mich schon sehr auf die Entschleunigung, die ich auch auf der Herfahrt schon genießen durfte.

Schon in Spanien

Diesmal startete meine Reise auf den Jakobsweg anders. Am Samstag leitete ich noch einen Workshop beim Impulstag der kfb am Stephansplatz und von dort machte ich mich direkt und zu Fuß auf den Weg zum Hauptbahnhof, um den Nachtzug nach Paris zu nehmen. Die Glocken von St. Elisabeth lockten mich zur Messe, die der Priester sehr schön und stimmungsvoll feierte – die ideale Einstimmung auf meinen diesjährigen Weg.
Heuer also nicht gekrümmt im Flixbus, sondern ausgestreckt im Liegewagen nach Paris, darauf hatte ich mich gefreut. Ziemlich eng ist es in so einem 6er Abteil allerdings schon, sogar für mich. Alle reisen mit großem Gepäck und wenn man an jemandem vorbei möchte, geht man unvermeidbar auf Tuchfüllung. Einmal im Bett war allerdings die Nacht ruhig, bis auf den Schrecken, als die Beamten an der deutsch-österreichischen Grenze uns im lauten Befehlston aufweckten, weil sie unserer Pässe sehen wollten. Der meine war allerdings im Rucksack unter der untersten Liege. Das hieß, im Halbschlaf heraus aus dem Bett, die Leiter hinunter, im Rucksack herumkramen. Das dauerte offensichtlich auch den Beamten zu lange und bevor ich meinen Pass in Händen hielt, hörte ich ein ‚Bonne nuit‘ (gute Nacht) und sie versuchten es im nächsten Abteil.
Gut angekommen am Gare de l’est hatte ich nur einige Stationen mit der Metro 4 zum Gare Montparnasse. Blöderweise hatte diese Linie genau heut bis 12 Uhr Betriebssperre, sodass ich in den vielfältigen U-Bahnsystem eine Alternative finden musste. Drei verschiedene Linien, viermal umsteigen, weil ich einmal auch in die falsche Richtung gefahren bin – für 2,10 € ein langwieriges, aber günstiges Unterfangen. Nur gut, dass ich keinen Zeitdruck hatte. Zwischendurch aber doch die Frage: warum tue ich das? Warum verlasse ich meine so bequeme Komfortzone, um irgendwo in fremdem Land herumzuirren?
Komfort erlebte ich aber dann bei der Fahrt mit dem TGV in den Süden. Das dauerte nur vier Stunden, der Zug war mit bis zu 300 km/h unterwegs. Komfort erlebe ich auch jetzt im Hotel Alcazar in Iruñ, wo ich diese Nacht verbringe, bevor es morgen weiter geht zum nächsten Abenteuer.

.. und erwartet werden

Eigentlich bin ich ja einen Tag zu früh in Santiago de Compostela angekommen. Erwartet wurde ich erst heute. Erwartet? Ja, denn ich mache in den nächsten 17 Tagen Dienst hier bei der deutschsprachigen Pilgerseelsorge. Das ist ein Projekt der deutschen Kirche mit dem Ziel, die Menschen, die als Pilgernde hier in Santiago ankommen, mit ihren Erfahrungen, Erlebnissen, vielleicht auch Fragen, aufzufangen und ihnen die Möglichkeit zum Austausch zu geben.
Das Team besteht immer aus einem Priester und zwei Ehrenamtlichen.
Der Tag ist dabei gut gefüllt, das konnte ich beim gestrigen ‚Schnuppern‘ schon erleben: um 8 Uhr morgens wird in der Kirche San Fiz eine deutschsprachige Messe gefeiert, die auch besonders gestaltet ist. Vor allen Gottesdiensten in der Kathedrale werden unsere Angebote vorgestellt und danach Information angeboten. Nachmittags gibt es die Möglichkeit zu Gespräch und Austausch und um 18.00 Uhr einen spirituellen Rundgang mit Erklärung der Symbolik der Eingangstore. Und es kann durchaus sein, dass zwischendurch noch Einzelgespräche geführt werden.
So bin ich neugierig und auch aufgeregt, wie sich diese nächsten zwei Wochen hier in Santiago gestalten werden. Ich sehe es als große Chance, Menschen mit meinem eigenen Erfahrungen zu begleiten.
2021 ist ja ein sogenanntes ‘Heiliges Jahr‘, weil der Gedenktag des Hl. Jakobus auf einen Sonntag gefallen ist. In diesen Jahren ist die Heilige Pforte geöffnet und normalerweise stehen die Pilgernden in langen Schlangen an, um durch die Pforte hindurchzugehen. Sie steigen danach hinunter zum Grab des Apostels, um hier auch alles Schwere hinzulegen. Der zweite Teil des Rituals, die Umarmung des Apostels auf den Hochaltar ist heuer leider aus hygienischen Gründen nicht möglich.
Das ist also der letzte Beitrag in meinem Blog. Schön, dass ihr mitgelesen habt. Mir macht es immer viel Freude, von meinen Weg-Erlebnissen zu berichten. Vielleicht kann ich ja damit die eine oder den anderen zu ähnlichen Erfahrungen anregen. Wobei: unser eigentlicher Camino ist der ‚Camino de la vida‘, unser je eigener Weg des Lebens. Dass ihr diesen gut gehen könnt, dafür wünsch ich euch Gottes Segen!

Ankommen

In Santiago anzukommen, war heut anders: die letzten Male war ich immer mit jemandem gemeinsam einmarschiert, wir haben uns vor der Kathedrale umarmt und uns gemeinsam darüber gefreut, dass wir das Ziel erreicht haben. Heute war ich alleine unterwegs, aber die Freude war die gleiche: das tolle Gefühl, anzukommen und etwas geschafft zu haben. Leider konnte ich die Pilgermesse um 12 Uhr nicht mitfeiern, da nur ein gewisses Kontingent zugelassen ist, und da war ich um ca 10 Personen zu spät in der Reihe.

Auf dem Weg zur Kathedrale beschäftigte mich die Distanz, ja fast Ignoranz, mit der die Menschen auf die Pilgernden reagieren:
Dieses Verhalten dürfte Folge der Pandemie sein: Während des gesamten Weges hatte ich mich gewundert, dass die SpanierInnen fast überall Maske (masquerilla) tragen. Auch wenn sie alleine im Auto sitzen oder als Kellner die Stühle auf die Straße stellen, wenn sie alleine unterwegs sind, oder auch mit Abstand miteinander plaudern. Nur im Lokal wird die Maske abgenommen.
Ich hab Heidi, die Herbergsbesitzein, darauf angesprochen. Sie meinte, dass der Lockdown hier sehr, sehr streng gehandhabt wurde und die Menschen sich einerseits daran gewöhnt haben, Maske zu tragen, und dass sie andererseits, auch wenn die Impfrate bei 80% liegt, fürchten, dass mit den Pilgernden eine neue Infektionswelle kommt. Sie haben also schlichtweg Angst und halten deswegen Abstand.
Aus Respekt vor den Menschen trage ich jetzt auf der Straße Maske, auch wenn ich alleine gehe, geimpft bin, und das ständige Maske Tragen im Freien für ungesund und sinnlos halte.
Das Schönste hier in Santiago ist es, auf der Plaza Obradeiro vor der Kathedrale zu sitzen und die Freude zu genießen, die alle Menschen empfinden, wenn sie hier ankommen. Und wenn man Glück hat, entdeckt man dabei sogar bekannte Gesichter.

Pilgerautobahn

Ein buntes Grüppchen saß gestern bei Heidi um den Küchentisch: zwei junge Polinnen, Jan aus Berlin und Franco aus Italien. Er wird demnächst 80 Jahre alt, beging seinen ersten Pilgerweg erst im Alter von 66 Jahren und ist jetzt auf seinem 33. Camino unterwegs! Und morgens startete er um 6.30 und ward nicht mehr gesehen!
Wir anderen ließen uns etwas Zeit, da es entgegen Jans Wetter-App draußen leicht regnete. Das blieb dann auch den ganzen Vormittag mehr oder weniger so.
Als ich um 9 vor das Haus trat, war ich mitten auf der Pilgerautobahn. Irritiert hat mich dabei, dass manche nicht einmal grüßen, wenn sie vorbei gehen. Es ist für mich immer wieder unglaublich, wie viele Menschen hier unterwegs sind. Ich reihte mich ein in den Strom, ging mal schneller, ließ mich auch manchmal zurück fallen und hatte so trotzdem eine ruhige Zeit auf dem Weg. Und ab 13.00 war der Weg wieder genauso einsam wie gestern. Zu diesem Zeitpunkt sind die meisten dann schon in ihrem Quartier angekommen.

Eigentlich wollte ich heut ja bis Monte do Gozo gehen, dem ‚Berg der Freude‘, von dem aus man schon nach Santiago hinein schauen kann. Von dort sind es nur mehr 5 km bis zur Kathedrale. Dieses Ende erschien mir dann aber doch zu schnell. Ich beendete den Tag spontan in Lavacollo und kann so morgen noch die restlichen 10 km genießen. Hier stoppten übrigens auch früher die Pilgernden, um sich vor dem Einzug in Santiago ein letztes Mal zu waschen. Daher hat der Ort seinen Namen und auch die Waschstelle gibt es heute noch.
Ich tat das Gleiche, nur in eigenem Zimmer und einer Dusche ganz für mich alleine.

Nah am Ziel

Auf den heutigen Tag hatte ich mich richtig gefreut. Das Ziel ist in greifbarer Nähe und zwei Höhepunkte des Weges erwarteten mich: die Churros von Arzua und die Übernachtung bei Heidi.
Bis nach Arzua waren es jedoch 20 km zu gehen, und das nur auf asphaltierten Landstraßen. Meine Füße sind diesen Untergrund nicht gewohnt und es machte sie müde. 20 km können ganz schön lang sein, vielleicht vergleichst du ja mal, wo du in dieser Distanz hinkommst?
Die Straßen waren gesäumt von Steineichen, die gerade die Eicheln abwerfen, und von Edelkastanien, bei denen das noch unangenehmer sein kann. Eine Frau sah ich beim Sammeln, sie hatte schon eine ganze Scheibtruhe voll. Ob die wohl bis nach Österreich kommen und im Winter als Maroni gegessen werden? Auch große Eukalyptusbäume stehen am Wegrand, sie riechen gut und spenden Schatten. Es gibt aber auch riesige Eukalyptuswälder. Dieser Baum wurde aus Australien importiert, wächst schnell und wird für die Zellstoffindustrie verwendet. Inzwischen ist er aber zum Feindbild der Bauern geworden, die ganze Wälder abbrennen und lieber wieder die Korkeichen pflanzen würden. Deren Früchte verwenden sie im Winter als Tierfutter.

Gestern hatte ich eine unangenehme Begegnung mit Hunden, sie sind auf der einsamen Route die Pilgernden nicht mehr gewohnt und verfolgten mich mit ihrem Gebell. Heute taten das die Kühe, die offensichtlich umgesiedelt wurden und Spaß daran hatten, mir nachzulaufen. Das macht schon ein komisches Gefühl!

Endlich in Arzua angekommen, suchte ich mir die Churreria mit den angeblich besten Churros: das ist ein in Fett herausgebackenes Spritzgebäck, zu dem eine Tasse Schokolade serviert wird, die fast so dick wie warmer Pudding ist. Die mit Zucker bestreuten Churros werden darin eingetunkt. Das ist wirklich ein Festmahl und ich darf das jetzt schon das dritte Mal genießen.
Von der Churreria weg waren es dann nur mehr 5 km bis zu Heidi. Hier habe ich schon 2017 übernachtet und es ist ein Paradies mit Katzen, Hund und Hühnern. Heidi hat weinviertler Wurzeln. Sie hat sich hier auf dem Camino angesiedelt und empfängt und verwöhnt täglich Pilgernde.

Pfeile

Der Verbindungsweg, den ich die letzten zwei Tage gegangen bin, wird offensichtlich nicht mehr beworben und beschildert. Das erkennt man auch daran, dass ich die einzige in der einzigen Pension in Friol war. Der Rest der Zimmer stand leer. Ein großer wirtschaftlicher Schaden für die Menschen, die hier entlang wohnen. Sie konnten vorher an den Pilgernden eine Kleinigkeit verdienen.
Das ist auch der Grund dafür, dass es keine, bzw. keine einheitliche Wegführung gibt. Für heute wollte ich einfach der App folgen, nachdem ich aber keinen Empfang hatte, orientierte ich mich dann vor allem an den grünen Pfeilen – bis der Weg vor einer großen, grünen Wiese endete. Da in Galizien die Felder und Wälder mit Stacheldraht umzäunt sind, war mir das Abenteuer dann doch zu unsicher. Ich drehte um, ging alles zurück und nahm den Weg über die Straße. Fortan orientierte ich mich an den schriftlichen Beschreibungen in meinem gelben Büchlein, die ungefähr so lauten: ‚gehen sie 500 m geradeaus bis zur Gabelung, nehmen sie dann den Weg, der steil bergauf führt und nach 20 m gehen sie wieder rechts.‘ Bis ich auf einem Hügel stand und absolut unsicher war, wo ich überhaupt war. Genau in diesem Moment zeigte mir mein Handy das erste Mal den Standort an. Von da an war es leicht, auf dem richtigen Weg zu bleiben.

Nach 20 km traf ich dann in Meson auf den Küstenweg. Sofort waren jede Menge Pilgernde unterwegs und bei der für mich ersten Bar des Tages herrschte richtiges Gedränge.
Gelandet bin ich heut in Sobrado. Leider ist die große Herberge des großen Zisterzienserklosters geschlossen, sodass ich wieder Mal großes Glück hatte und das letzte Bett in einer privaten Herberge erhaschte.
Die gelben und grünen Pfeile, die schriftlichen Wegweisungen und die App, die zeigt, wo es hingehen kann – all das können Symbole sein für all das, was helfen kann, dem richtigen Lebensweg zu folgen. Was gibt mir Orientierung? Woran orientierst du dich?

Camino real

‚Wenn Sie Zeit haben und ein wenig Abenteuerlust, empfehle ich ihnen diesen Weg‘, so schreibt Raimund Joos in dem gelben Büchlein, das mich auf meinen Jakobswegen begleitet. Ich habe beides, aber von den ca 20 Personen, die ich immer wieder unterwegs getroffen habe, bin ich vielleicht die einzige, die heute diesen Umweg genommen hat.
Außer einigen Mountainbikern und zwei alten Frauen habe ich auf dem gesamten Weg niemanden getroffen. Eine Bäuerin nutzte die Gelegenheit für einen kurzen Plausch und erzählte mir, dass sie mit Fidel Castro in einer Autofabrik gearbeitet habe. Deswegen wusste sie auch Details aus seiner Familie. Die andere Bäuerin wollte mich unbedingt zurück schicken auf den Primitivo, konnte nicht glauben, dass ich tatsächlich ‚querfeldein‘ gehe. Der Vormittag war tatsächlich ein Abenteuer: schon beim Hinausgehen aus der Stadt habe ich zweimal den falschen Weg genommen. Später gelangte ich aber ohne Probleme zu dem wunderschönen Wildbach, der als ‚Extratour‘ beschrieben wurde. Die Stege und Brücken zu überqueren, war jedoch manchmal durchaus eine Herausforderung.
Da es zu diesem Weg keine offizielle Markierung gibt, machte mir um die Mittagszeit ziemliche Probleme: Es gibt grüne und gelbe Pfeile, die aber nicht immer ident sind. Es gibt eine Beschreibung im gelben Büchlein, und es gibt eine App, all das passt aber nicht wirklich zusammen. Bei der Pause war ich so verwirrt, dass ich Angst hatte, überhaupt in die falsche Richtung unterwegs zu sein. Die Namen der Dörfer auf den Plänen passten einfach überhaupt nicht zusammen! Weil die Wege parallel, aber mit einigen Abstand voneinander gehen. Später begleiteten mich Schilder des Camino real, da fand ich mich gut zurecht und pilgerte die letzten 10 km ganz entspannt bis Friol.

Lugo

Die einzige große Stadt am camino primitivo – noch dazu in einer Entfernung, die für den Erhalt der beliebten Compostela reicht (Dafür muss man mindestens 100 km gegangen sein). Gleich am Stadttor begrüßt mich ein Stein, der an König Alfons II erinnert. Er war ja der Legende nach der erste, der nach Santiago gepilgert ist und hat somit den Jakobsweg begründet.

Lugo ist ungefähr so groß wie Klagenfurt und war zur Römerzeit die Hauptstadt der Provinz Gallaecia. Von daher stammt noch die über 2 km lange Stadtmauer, auf der man die Altstadt umrunden kann, was ich natürlich gemacht habe.
Die Kathedrale stammt aus dem 12. Jhdt, ist aber an einem Ort erbaut, wo schon 755 eine Kirche stand. Sie ist unglaublich reich an Kunstschätzen und erinnert mit ihren Anbauten an die Kathedrale von Santiago. Das Besondere an der Kathedrale von Lugo ist, dass sie vom Papst die Erlaubnis zur dauerhaften Aussetzung bekam. Das heißt, auf dem Hochaltar steht immer die Monstranz mit der Hostie (für uns der Leib Christi).

Es war Samstag Abend und unglaublich viel los in Baleiroa – ein dreitägiger Lauf von Oviedo nach Santiago (was ich in zwei Wochen mache!) machte hier mit dem ganzen Tross Station.
Nach einem gemeinsamen Abendessen mit Erna und Walter aus Südtirol verabschiedeten wir uns voneinander. Wir waren in der letzten Woche immer wieder begegnet und haben manchmal in den selben Quartieren übernachtet. Jetzt trennen sich unsere Wege, da die beiden den Weg nach Melide nehmen, wo sie auf den Camino Frances stoßen und sich in die wahrscheinlich große Anzahl von Pilgernden einreihen. Ich jedoch möchte einen anderen Weg nehmen.