Lalin – Bandeira

Heute morgen zeigte der erste km-Stein 36,… an, jetzt am Nachmittag der letzte 24,454. Es geht also mit Riesenschritten dem Ende zu. Morgen mache ich noch einen normalen Pilgertag und am Freitag nur mehr die restlichen 9-12 km. Ich möchte am Vormittag in Santiago ankommen, wo hoffentlich noch nicht so viel los sein wird. Obwohl: dieses Wochenende ist großer Marienfeiertag, die Stadt dürfte ziemlich voll sein. Zwei große Alberguen, in denen ich wegen eines Bettes angefragt hatte, sind voll. Inzwischen hab ich aber ein Bett, sogar für zwei Nächte.
Heute also trafen sich der Weg vom Süden und der Winterweg, kurzfristig waren etwas mehr Menschen unterwegs, aber am Nachmittag ging ich wieder ganz alleine und hier in der Herberge sind wir wieder zwei, bei 36 Betten! Diesen Weg bin ich ja 2023 schon gegangen. Es ist interessant, dass ich mich tatsächlich nur an die alte Brücke erinnern konnte, mit dem Stein mit römischer Inschrift, wo als Errichtungsdatum das Jahr 912 angegeben wird.

Sonst ist der Weg sehr unspektakulär : es ging wieder auf alten Landstraßen entlang, durch Dörfer mit großen bellenden Hunden (hinter Zäunen), entlang von großen Kuhställen für die Fleischproduktion und durch schöne Wälder. Manchmal gehe ich auch auf alten Steinwegen und bestaune die riesigen Bäume. Gut verwurzelt konnten sie unglaubliche Größe entwickeln. Ein schönes Symbol.

Wenn ich so in Stille gehe, habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Da fällt mir wieder der Pilgervater Jose Luis in Tosantos ein. Er wollte mich ja weiterschicken, weil ich Vegetarierin bin. Vor dem gemeinsamen Abendessen hat er uns damals einen kleinen Vortrag gehalten über das, was auf dem Camino wichtig ist. Und einer seiner Gedanken beschäftigt mich immer wieder auf dem Weg: Geh in Stille! Suche nicht nach Antworten, sondern schau, welche Fragen der Camino dir stellt.
Das erinnert mich an den Satz von Rainer Maria Rilke:
‚Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.‘
Wir stellen uns bei jeder Begegnung gegenseitig viele Fragen hier auf dem Weg, geben uns einander inspirierende Antworten, oder wenn wir keine Antwort wissen oder bekommen, so nehmen wir doch die Fragen mit.

Rodeiro -Lalin

Als dritte Fahrspur einer Autostraße, so startete heut der Camino (aber diesmal mit Frühstück). Und er führte wieder ganz lang auf alten Landstraßen und Schotterwegen dahin, da waren nur einige schöne Plätze, die zum Fotografieren einluden.
Zum Beispiel, wenn es durch Wälder ging mit riesigen Steineichen und Föhren, oder wenn Edelkastanien, Birken und Nussbäume den Weg beschatteten. Die Kastanienbäume hier sind nicht annähernd so dick wie jene, die verbrannt sind. Das macht traurig.
Und es beginnen auch diese Eukalyptusplantagen für die Papierproduktion, wenn die zu brennen beginnen, ist das wie ein Strohfeuer.

Am Morgen ist es zwar immer noch kalt, aber tagsüber ist es immer sonnig und die Temperatur steigt auf ungefähr 25°. Da such ich dann gern den Schatten der Bäume.
Es gab heut wieder auf dem ganzen Weg keine einzige Einkehrmöglichkeit, nicht einmal eine Bank zum Ausrasten. Da ist es gut, dass ich meine Matte mithaben, auf die kann ich mich setzen. Ich bin ja in Galicien und da ist es zwar sehr grün, der Boden aber sehr feucht.
Und ich hatte diesmal auch etwas zu Essen mit. Wobei mir aufgefallen ist, dass es hier in den Dörfern öfter Apotheken als Lebensmittelgeschäfte gibt! Und das Angebot hält sich in Grenzen. Gestern war ich sogar in einem Spar. Aber dort gab es kein frisches Brot, nur Toastbrot und abgepackte süße Weckerl, auch sonst fast nichts, das ich gern kaufen würde. Und Eis gibt es nicht einzeln, sondern nur im 4er oder 6er Pack.

Gegen Ende des Weges wird es jeden Tag anstrengend. Da würde ich mich nach einem Kaffee sehnen, der neue Energie gibt. Und am liebsten noch etwas Süßes dazu. Diese Kaffeejause am Nachmittag , das verstehen sie in Spanien gar nicht. Sie essen Süßes zum Kaffee am Morgen: Madalenas, das sind kleine Biskuitmuffins, oder Croissants oder Neapolitanas – Blätterteig mit Schokolade gefüllt. Nachmittags gibt es nur Kaffee solo und dann kommt ja das große Abendessen, am liebsten erst um oder nach 20 Uhr.

Heute bin ich in Lalin. Dieser Ort ist quasi der Mittelpunkt von Galicien, es gibt ein 0 km-Punkt an einer Kreuzung. Beim Ankommen haben mich schon drei Pilgernde freundlich begrüßt, nach dem Einchecken hab ich mich mit einem Kaffee zu ihnen gesetzt. Sie sind aus Amerika, gehen den Weg von Ourense nach Santiago (ca 100 km, das berechtigt zum Erhalt der Compostela, der Pilgerurkunde). Das ist der letzte Teil der Via de La Plata, wo ich vor zwei Jahren auch gepilgert bin. Die drei haben heut einen Pausentag und sind mit dem Bus hierher gefahren. Morgen werden sie wieder auf ihrem Weg gehen und irgendwo werden unsere beiden Wege sich dann treffen. So war es heut für mich wahrscheinlich der letzte einsame Pilgertag, ich rechne damit, dass morgen wieder mehr Pilgernde unterwegs sein werden.

Chantada – Robeiro

Ich hatte gestern Glück und konnte um 19 Uhr eine Messe in der großen Pfarrkirche mitfeiern. Sie war gut besucht, von Menschen unterschiedlichen Alters. Ministranten hab ich hier allerdings noch nie gesehen und im Normalfall wird auch nichts gesungen. Das Gloria und das Heilig, alles gebetet. Einmal erst hab ich Orgelbegleitung erlebt und in Ponferrada vorigen Sonntag sang ein Chor mit Gitarrenbegleitung. Der Pfarrer gestern legte das große Messbuch weg und las die Gebete vom Handy ab. Eigenartig.

Der heutige Tag bestand am Vormittag aus Aufstieg auf und am Nachmittag aus Abstieg vom Monte Faro. Das Problem war nur, dass die Bar, die nach 8 km angekündigt war und wo man sich unbedingt für den Aufstieg stärken sollte, geschlossen war. Und ich hatte hier das Frühstück geplant! So musste ich den ganzen Tag mit meinen restlichen Nüssen auskommen, erst 2 km vorm heutigen Ziel fand ich eine Bar – voll besetzt, ein Kommen und Gehen, aber leider nur etwas mit Fleisch oder Fisch im Angebot. Ich entschied mich dann für Pommes Frites. Zusammen mit Tonic und Kaffee für 5€.

Was macht eigentlich einen Pilger, eine Pilgerin aus? Ganz ursprünglich war diese Bezeichnung nur für Menschen gedacht, die nach Santiago gehen. Diejenigen nach Rom hießen ‚Säulen‘, und die nach Jerusalem hatten auch einen eigenen Namen. Jetzt wird dieses Wort gern verwendet. Aber es ist etwas anderes als wallfahrten oder weitwandern. Und für mich reicht es nicht, sich eine Muschel auf den Rucksack zu geben und loszuziehen. Für mich sind definitiv zu viele Weitwanderer unterwegs.
Als Pilgerin habe ich das Minimalismus-Motto ‚KISS‘ (keep it small and simple), was das Gepäck, die Vorbereitungen, den Aufwand, den Komfort, .. betrifft. Ich möchte meinen Rucksack selbst tragen, möchte die ganze Strecke selbst gehen und in einfachen Unterkünften übernachten. Und das möglichst auch in Gemeinschaft mit anderen. Aber natürlich kann es zu Situationen kommen, wo aus gesundheitlichen Gründen das eine oder andere nicht möglich ist und dann ist es gut, dass es andere Möglichkeiten gibt.
Und es ist schön, dass ich einige Pilgerinnen erlebt habe, die Inhalte ihres Rucksacks nach Hause geschickt haben und begonnen haben, ihn selbst zu tragen. Weil sie dann mehr Freiheit erleben und sich besser auf die Überraschungen des Weges einlassen können.
Einfaches Pilgerleben, und doch nichts im Vergleich dazu, wie die Menschen früher hier unterwegs waren ..
Achja, und die 100 km-Marke hab ich heute auch geknackt, momentan sind es noch ca 80 bis Santiago.

Monforte de Lemos – Chantada

Der heutige Tag war für mich die Königsetappe dieses Weges. Von den 30 km ging es den Großteil auf alten Landstraßen, stetig bergauf, der Asphalt ermüdet die Füße. Und dann auf diesen alten steinigen galicischen Pilgerwegen ganz steil hinunter zum Fluss und auf der anderen Seite wieder genauso steil bergauf, entlang der terrassierten Weingärten. Ich liebe diese Wege, auch wenn sie sehr anstrengend sind: seit 1000 Jahren begangen und bebetet.
Auf dem Weg traf ich auch eine deutsche Pilgerin, sie hat den Weg erst heut gestartet, ist auch nicht dort ganze Etappe gegangen. Aber wir nutzen die Gelegenheit, gegenseitig Fotos zu machen.

Manchmal, wenn ich in einen Ort komme, läuten zufällig gerade die Mittagsglocken. Und oft kommt auch ein Glockenspiel dazu, das das Ave Maria spielt. Nachdem das jetzt schon einige Male so war, hab ich den Verdacht, dass das über Lautsprecher eingespielt wird.
Es gibt ja viele Kirchen auf dem Weg, aber leider sind sie alle geschlossen. Auf dem Camino Frances war es teilweise so, dass jemand drinnen saß und einen dieser beliebten Stempel anbot, gegen eine kleine Spende. Da konnte man zumindest hinein und für einige Minuten Ruhe finden.
Nun, Ruhe find ich hier auf dem Weg eh genug, trotzdem sind Kirchen für mich etwas ganz Besonderes, spirituelle Orte. Das ist auch so ein Stück Lebensfluss und Verbundenheit: mit den Christinnen und Christen aller Zeiten, die in diesem Häusern beteten, sangen, feierten. Und mit den Gläubigen heute, die überall auf der Welt in denselben Worten feiern. Es ist für mich so erhebend, wenn bei einem Gottesdienst in den verschiedensten Sprachen, aber ganz im Einklang, das Vater unser gebetet wird. In diesen Momenten bin ich unendlich dankbar, fühle ich mich sehr verbunden und verwurzelt in meinem Glauben und in meiner Glaubensgemeinschaft, die mich durch das Leben trägt.
Und dann ist es interessant, was mit den Kirchen passiert oder wie sie auch genutzt werden können:
In Foncebadon etwa wurde die Feierrichtung gedreht und an die Zahl der Mitfeiernden angepasst. Die jetzt leere zweite Hälfte der Kirche ist Herberge. Hier können Pilgernde auf Matten schlafen.
In einen anderen Ort ist aus der Kirche eine kleine Volksschule geworden, mit Glockenturm.

Und in dem verlassenen Dorf Nogueiras sind nur mehr Reste der Kirche vorhanden, das Dach ist eingestürzt, aber die Marienstatue steht noch da und wird verehrt – im Freien!
Viel genützt dürften diese Dorfkirchen nicht werden, in Barxa de Lor pas ich an der Kirchentür die Einladung zur Messe am 15. Juli.
Da heute Sonntag ist, werde ich schauen, ob ich vielleicht irgendwo eine Kirche finde, in der ich wieder einmal eine Messe mitfeiern kann.

Barxa de Lor – Monforte

Weil ich gestern so negativ über die ‚Taxipilger‘ gesprochen habe: ‚We should not judge!‘ Wir sollen nicht urteilen! Das hat Angel, ein junger kalifornischer Pilger, auf dem anderen Weg zu mir gesagt, als wir über die verschiedenen und für mich absurden Möglichkeiten sprachen, wie man auf dem Jakobsweg unterwegs sein kann. Jeder macht es nach den eigenen Möglichkeiten, Bedürfnissen, vielleicht auch nach dem eigenen Mut. Und es ist richtig so.
Angel war schon einige Zeit mit drei anderen jungen Pilgernden unterwegs gewesen, jetzt hatte er sich entschlossen, den Weg alleine weiterzugehen. Er hatte gemerkt, dass er im dauernden Austausch mit anderen sich selbst nicht wahrnehmen konnte. Weil er wusste, dass ich den Weg auch alleine gehe, fragte er mich: ‚Aber was machst du, wenn du von A nach B gehst?‘
‚Beten, meditieren, singen, bekannte Melodien mit neuem Text erfinden, schauen, hören, staunen. Und auch an andere Menschen denken.‘ Das gab ich ihm mit. Es würde mich interessieren, wie es ihm damit geht. Ich jedenfalls hab genug Gelegenheit, das alles zu praktizieren, und manchmal denke ich auch an Gespräche mit lieben Pilgernden. Wo sie jetzt wohl schon unterwegs sind?

Der Weg führte heute durch Eichenwälder und kleine Siedlungen und erinnerte mich sehr an zu Hause. Es war gemütlich zu gehen und auch nicht weit.

Nach knappen 20 km hatte ich mein Tagesziel erreicht: Monforte de Lemos, eine Stadt mit uralter Geschichte, schon seit der Bronzezeit lückenlos besiedelt. Eine Festung mit Wehrturm und Kloster thront über der Stadt. Aber sonst gibt es hierzu nicht viel. Die beste Zeit hat diese Ansiedlung offensichtlich hinter sich.

Quizoga – Barxa de Lor

Etwas heruntergekommen war die Herberge von letzter Nacht und viel zu groß für die wenigen Pilgernden. Deswegen wird sie im Sommer auch für Schulklassen und Kinderferienwochen verwendet. Und in der Erntezeit für Saisonarbeiter. Solche waren da, sie helfen bei der Weinlese.
Etwas heruntergekommen fühlte sich auch der Ort an, so viele Geschäfte und Bars waren geschlossen und das erste Mal in dieser Zeit musste ich auf Mikrowellenessen umsteigen. Pilzrisotto … naja.
Das Rätsel mit den Rucksäcken hat sich dann auch gelöst. Drei spanische Pilger waren im Zimmer neben mir einquartiert und morgens hörte ich sie zuerst dort lautstark und dann unter meinem Fenster. Bis ein Taxi kam und sie damit davon fuhren.
Das wurde mir schon öfter erzählt: Pilgernde lassen sich zu den schönsten Abschnitten mit dem Taxi bringen, gehen dieses Stück und werden dann wieder weitergeführt.
Zum Beispiel ein Schweizer: Weil er beim Buchen der Reise keine Zimmer mehr bekam, schlief er in einem Hotel in Burgos und ließ sich vom Taxi zu den einzelnen Etappen bringen und wieder holen. Der Urlaub kostete ihn über 3000€.
Oder die irische Vier-Männer-Partie: sie bekamen nur eine gemeinsame Woche Urlaub und machen den Camino im Schnelldurchlauf, gehen einzelne Streckenabschnitte, holen sich Stempel, und lassen sich von Taxis weiterbringen.

Ich hingegen war heute meinen 30. Tag unterwegs. Manche bewundern mein Durchhaltevermögen, manche fragen mich: wann kommst du jetzt endlich an? Im Moment bin ich ca bei km Santiago minus 155. Nachdem ich täglich ca 20-25 km gehe, und das ist hier bei diesen Steigungen wirklich genug, werde ich noch 7-8 Tage pilgern. Das hängt allerdings auch von den möglichen Unterkünften und Streckenabschnitten ab. Den heutigen habe ich z. B. auf zwei Tage aufgeteilt, da es insgesamt 37 km gewesen wären.
So bin ich in einem winzigen Dorf gelandet, es besteht nur aus einer römischen Brücke an einem Fluss, der vorbei plätschert, diesem Gasthaus, einer kleinen Kirche und vielleicht zwei bewohnten Häusern. Die Stille wird nur durch die Autos gestört, die hoch über mir auf der Autobahn fahren.

A Rua – Quizoga

Der andere Pilger checkte gestern in derselben Herberge ein und es stellte sich heraus, dass er die ersten zwei Tage etwas andere Etappen gegangen war. Und das Nette: er kommt aus Deutschland und wir können uns gut miteinander unterhalten. Das ist nämlich auch etwas, das sich mit dem neuen Camino total verändert hat: auf dem Frances hat jeder, auch wenn ich etwas in Spanisch sagte, sofort auf Englisch geantwortet, weil es einfacher war. Und die ‚Verkehrssprache‘ der Pilgernden war sowieso Englisch.
Hier auf dem Weg spricht niemand mehr als einige Worte Englisch, ich kann, darf, muss jetzt mein Spanisch verwenden. Das mache ich gern, aber manchmal ist es eine Herausforderung, all das zu verstehen, was andere erzählen. Wie zum Beispiel die beiden ultranetten und zuvorkommenden Hospitaleros gestern. Schon erstaunlich: ich befinde mich ca 40 km Luftlinie südlich von Frances und bin in einer völlig anderen Welt!
Auch bei den gelben Pfeilen muss ich jetzt besser aufpassen. Letzte Woche hatte ich schon kilometerweit gesehen, wo der Weg hingeht, wo die Pilgerden in der Ferne unterwegs sind. Auf Pfeile brauchte ich nicht zu achten. Jetzt mache ich das sehr wohl, und manchmal übersehe ich sie auch. Dann verpasse ich schon mal eine Abzweigung. Zum Glück gab es einen Engel, der ein Fenster öffnete und mich auf den richtigen Weg leitete. Wenn ich mir unsicher bin, hilft mir auch die App ‚Buen camino‘, wo ich meinen Standort sehe und wieder auf den Weg zurückfinde.

Der erste Teil des heutigen Weges war wieder sehr bedrückend. Ich ging mitten durch ein Waldbrandgebiet, dann in der Asche einen Hügel hinunter, mir vorstellend, dass hier vor zwei Monaten alles in Flammen stand. Und dann sah ich Hoffnungszeichen an den Bäumen: die Menschen haben verschiedene Tiere gestaltet und an den verkohlten Stämmen montiert. An einem Strommasten las ich: ich überlebte 2025. In Situationen totaler Verzweiflung gibt es immer Möglichkeiten, das Leben zu gestalten und gegen das Schicksal anzumalen, anzuschreiben, ..

Später ging es wieder dieses Flusstal des Sil entlang teilweise auf sehr alten Wegen, und ein wenig erinnerte es mich an die Donau. Unzählige Höhenmeter waren das heute und nach 28 km war ich wirklich erschöpft und froh, hier in Quiroga anzukommen. Mein deutscher Pilgerfreund wird noch erwartet und zwei Rucksäcke stehen auch da. Sie wurden vom donkey-Service gebracht, ich bin neugierig, ob ich die Besitzer sehe und wo sie herkommen. Auf dem Weg war ich nämlich auch heute ganz alleine.

Sobradelo – A Rua

Nach dreieinhalb Wochen auf dem Camino Francés muss ich manches neu lernen: Es gibt auf dem Winterweg fixe Etappen und nur an den jeweiligen Enden finden sich Übernachtungsmöglichkeiten. Ich kann also nicht kurzfristig entscheiden, wie weit ich gehen werde, weil es nicht alle paar km eine Albergue gibt. Bei privaten Quartieren empfiehlt es sich auch, sich anzumelden, weil sonst nicht mit mir gerechnet wird.
Außerdem muss ich vorsorgen und ein bisschen Proviant mitnehmen. Die Nüsse, Feigen, Fruchtriegel, die ich von lieben Menschen für die Reise mitbekommen habe, sind schon lange aufgegessen, nicht auf den Weg, sondern in den Herbergen aus Langeweile beim Warten auf das Abendessen. Und ich sollte auch immer eine Bar nutzen, wenn es auf dem Weg eine gibt, denn es kann die einzige für die nächsten 15 km sein.
Viel Umstellung, manches komplizierter, und doch entschädigen dieser wunderschöne Weg und die Stille für alle diese Mühseligkeiten.

In den letzten Tagen hatte ich mich etwas getrieben gefühlt. Es waren so viele Menschen unterwegs, dass ich kaum einmal gehen konnte, ohne vor oder hinter mir Gespräche mitzuhören. Und jeden Stopp, z.B. zum Fotografieren überlegte ich mir gut. Dann würden mich wieder diejenigen überholen, an denen ich gerade auf den schmalen Wegen endlich vorbeigekommen war. Ich war mittendrin und bin mitgelaufen. Welch eine Freiheit erlebe ich jetzt! Ich genieße, schau, bleibe stehen, .. alles ohne Stress.

Gestern Abend war ich wieder die einzige im Haus, allerdings in einer normalen Herberge. Ich belegte ein Bett, konnte aber den ganzen Raum und auch das Badezimmer für mich alleine nutzen. Das entspannt vor allem den Morgen, wo ich meinem eigenen Rhythmus folgen kann, nicht um 6 geweckt werde und im Dunkeln weggehe. Jetzt starte ich um ca halb 8, da ist hell genug, dass ich mich gut zurechtfinde.

Auf dem Weg hab ich gestern exakt einen Pilger getroffen, heute sah ich ihn sogar dreimal. Ich frag mich, wo er jeweils übernachtet?

Von Astorga weg führt dieser Camino entlang des Sil, in Sobradelo ist dieser Fluss von riesigen Felsen begrenzt, auf einer alten Brücke kann man ihn überqueren.
Und heute war der Fluss aufgestaut und ich konnte eine entspannte Mittagspause genießen.


Rund um das Dorf A Rua, wo ich heute in der öffentlichen Herberge bin, haben die Brände die Wälder auf den Hügeln zerstört. Ich stellte mir vor, mit welcher Angst die Menschen in ihrem Häusern saßen und hinauf schauten. Wenn sie nicht überhaupt evakuiert worden waren. Wie dankbar bin ich, dass ich dann, wenn dieses Abenteuer zu Ende ist, zurückkehren kann in ein sicheres und schönes Zuhause!

Borrenes – Sobradelo

Ich war gestern nicht nur die einzige Pilgerin auf dem Weg, sondern abends auch die einzige im ganzen Haus! Ich hab mich aber sehr wohl gefühlt:

Die Chefin erzählte mir, dass morgen zwei Portugiesen kommen werden und vor einigen Tagen zwei Österreicherinnen da waren. Der Weg ist also nicht überlaufen, sondern ein Geheimtipp für alle, die den Massen entfliehen und Natur in besonderer Weise erleben wollen.
Heut morgen war dann auch klar, warum so wenige hier pilgern. Es hatte ja vor zwei Monaten die Waldbrände gegeben und der Weg war einige Zeit gesperrt gewesen. Besonders Las Medulas war betroffen. Der Ort ist Weltkulturerbe wegen seiner außergewöhnlichen Landschaft, die durch den Goldbergbau der Römer entstanden ist. Sie haben damals Wasserkanäle durch die Berge gegraben und so das Gold ausgespült.

Und stolz sind die Menschen in Las Medulas auch auf ihre uralten Kastanienbäume.
Es war sehr bedrückend, hier zu gehen und zu sehen, dass diese Bäume total verbrannt sind und nur mehr ein Gerippe übrig blieb. Aber auch ein Hoffnungszeichen, wenn sich unten am Stamm neue Triebe zeigen.

Als ich dann ins nächste Dorf kann, war alles wieder schön und eine prächtige Landschaft zeigte sich.

Durch meinen Wechsel auf den Winterweg hat sich mein Kilometerkonto erhöht. Von Ponferrada waren es auf dem Camino Francés noch 203 km bis Santiago gewesen, laut Internet wären es auf diesem Weg 239, die galicischen Angaben zeigen noch einmal 20 km mehr. Egal, ich werde bis zum Ziel gehen, hinauf, hinunter, immer den gelben Pfeilen folgend.

Ponferrada – Borrenes

Die kirchliche Herberge in Ponferrada, wo ich gestern die Nacht verbracht habe, feierte am Abend mit einer schön gestalteten Messe in der eigenen Kapelle und mit einer kleinen Feier den 25. Geburtstag. Sie ist nach Nikolaus von der Flüe benannt, dessen Gedenktag gestern war. Seit 25 Jahren betreuen hier Freiwillige aus aller Welt die Pilgernden, und das können immerhin bist zu 170 sein! Gestern waren es definitiv nicht so viele, aber auch wenn nur 20 Menschen in verschiedenen Gruppen oder alleine zu kochen beginnen, kann das in der Küche, die zugleich der Eingangsbereich ist, ziemlich laut sein und laut riechen.

In den letzten Tagen haben immer mehr Pilgernde davon gesprochen, wann sie in Santiago ankommen werden. Und möglichst nicht am 8. oder 9. Oktober, denn da ist angeblich der ganze Platz vor der Kathedrale gesperrt wegen der Filmdreharbeiten. Wahrscheinlich auch wieder so ein Camino-Gerücht.
Ich hab mir mein Ankommen noch nicht überlegt, sondern heut quasi neu gestartet: nach einigem Überlegen und Gesprächen habe ich mich entschlossen, in Ponferrada auf den Camino de Invierno, den Winterweg, zu wechseln. Früher war das die Alternativroute für die Wintermonate, wo Schnee auf dem Cebreiro-Pass lag. Heute ist dieser Weg wenig bekannt, und ich erhoffe mir hier weniger Menschen und mehr Stille. Gestern Abend hatte ich mich schon nach der Abzweigung erkundigt, war aber noch immer im Unklaren. Tagsüber hatte ich Olga aus der Ukraine wiedergetroffen, die ich seit zwei Wochen nicht gesehen hatte, und mit ihr Matt aus Holland, den ich auch etliche Tage aus den Augen verloren hatte. Diese Erlebnisse würde ich auf dem neuen Weg definitiv nicht mehr haben. Es ist auch auf dem Camino nicht ganz einfach, aus dem jetzt schon Gewohnten und Vertrauten auszusteigen, zu verabschieden mit all den Folgen und sich auf ganz Neues einzulassen.

Heute morgen bin ich dann den neuen Weg gestartet. Es war wunderschön zu gehen, auf Waldwegen, durch kleine Dörfer mit Steinhäusern, über Hügel und ganz hinauf bis zum Castillo Cornatel, wieder einer Templerfestung aus dem 11. Jhdt. Ich hab den ganzen Tag nur einzelne Dorfbewohner gesehen, aber überhaupt keine Pilgernden! Und auch keine Bar zum Einkehren! Deswegen stoppte ich nach 20 km in Borrenes. Weil ich aber auch hier nichts zu essen fand, nahm ich mir ein Zimmer in dem einzigen ‚Hotel‘. Hier werde ich dann auch gleich was zu essen bekommen. Ein Zimmer ganz für mich alleine! Welch ein Luxus!