Riego de Ambros – Ponferrada

Mein Tagesziel mit nur 12 km war heute Ponferrada mit seiner Templerburg aus dem 12. Jhdt. Die Templer hatte ich ja schon in Rabanal kurz erwähnt. Sie waren Ritter und Mönche zugleich und schützten die Heiligen Stätten und die Wege dorthin, unter anderem nach Jerusalem und nach Santiago. Für die reichen Pilgernden initiierten sie sogar ein Banksystem: diese konnten Geld abgeben und an verschiedenen Orten der Pilgerschaft zurück bekommen. Wegen ihrer Macht und auch ihrer geheimnisvollen Rituale waren die Templer dem Papst und auch dem König suspekt und sie veranlassten das Verbot des Ordens und die Verhaftung Wallet Mitglieder – an einem Freitag, 13. Oktober 1307 – ein Grund, dass Freitag, 13. bis heute ein Unglückstag ist?

15 Personen waren wir gestern in der Herberge, eine relativ hohe Zahl. Der Verantwortliche sprach von normalerweise 6-7 Pilgernden. Am Tisch für das Abendessen war nur Platz für 11, daher kochte er auch nur für diese, die anderen schickte er ins Restaurant. Darunter war Sven, ein junger deutscher Pilger, den ich von den Bar mitgenommen hatte. Er wirkte so verloren und erzählte mir, dass letzten Sonntag sein Vater verstorben sei und seine Mutter mit Herzinfarkt im Spital liege und Mitte der Woche operiert werde. Er wisse jetzt nicht, wie und was er weiter machen solle. Seine Mutter sagte, er solle den Weg weitergehen, bis klar ist, wann das Begräbnis sei.
Und auch Kathi, eine deutscher Pilgerin durfte nicht zu uns an den Tisch. Sie ist das 10. Mal auf einem Camino in Spanien unterwegs, fünfmal davon mit ihrem Mann, bis er vor fünf Jahren verstorben ist. Sie ist 82 Jahre alt und geht sehr langsam, aber sie genießt die Zeit hier, weil sie sich da ihrem Mann besonders nahe fühle. Diese Lebensgeschichten erfuhr ich heute früh bei einem Tee, weil ich erst bei Tageslicht starten wollte. Der steinige Weg bergab schien mir in der Dunkelheit doch etwas zu gefährlich.
Ich passierte Molinaseca, das sich selbst als einen der schönsten Orte Spaniens bezeichnet mit seiner römischen Brücke.

Nach dem Regen am gestrigen Nachmittag und dem relativ frühen Abendessen fand ich Zeit für einen Spaziergang und Fotos der rein gewaschenen Landschaft und des hübschen kleinen Ortes, er ist wirklich Stein-reich!

Rabanal – Riego del Ambrós

Mein spiritueller Tank wurde in den letzten zwei Abenden gut aufgefüllt bei Gebeten, Gesprächen, Liedern, einer Messe und zweifachem Pilgersegen. So startete ich heute etwas später und nahm den Aufstieg zum Cruz de Ferro in Angriff. In der Hand hielt ich einen Stein, den ich von zu Hause mitgebracht hatte. Vor ca sechs Jahren habe ich ihn beschriftet: Fließen im Lebensfluss. Das ist der erste Teil eines Liedes, der weitere Text: verbunden sein, bis in das Herz hinein.
Dieser Gedanke des Unterwegsseins im Fluss des Lebens ist mir auf dem Camino sehr wichtig geworden. Ich gehe hinter Menschen, ich gehe vor Menschen, mit allen bin ich durch diesen Weg verbunden. Im Leben gibt es auch viele, die vor mir gegangen sind, auf deren Erfahrung ich aufbauen kann. Und es wird viele geben, die hinter mir kommen. Ich bin ein kleines Teilchen mittendrin und doch mit allen verbunden. Auch mit allen, die jetzt gerade gehen, egal von woher sie kommen, wie alt sie sind, welche Position sie in ihrem Alltag haben. Wir sind verbunden und das ist hier auf dem Camino besonders gut spür- und lebbar.

Auf dem Weg zum Kreuz passierte ich den kleinen Ort Foncebadon. Hier fand im 10. Jhdt sogar ein Kirchenkonzil statt, wenig später wurde hier die erste Pilgerherberge gegründet. Im 20. Jhdt verfiel der Ort total, aber seit 2000 wird er wieder aufgebaut und es gibt jetzt etliche Pilgerherbergen. Es ist beliebt, hier zu übernachten, um den Sonnenaufgang beim Kreuz zu erleben.

Es ist eine uralte Tradition, dass alle, die zum Cruz de Ferro kommen, dort einen Stein niederlegen. Mich hat dabei etwas abgelenkt, dass wieder das Filmteam da und es viel zu sehen gab. Aber davon unabhängig ist es spürbar ein besonderer, aber auch trauriger Ort. Viele Menschen gedenken hier ihrer verstorbenen Angehörigen, indem sie Bilder ablegen. Viele legen das Schwere ihres Lebens hier nieder.

Weiter ging es bei prächtigen Aussichten über die Berge von Leon und dann hinunter nach El Acebo, wo die Balkone der Häuser so nahe aneinander sind, dass man sich gegenseitig die Wäsche abnehmen kann.
Etappenende war heute für mich schon nach ca 20 km in einem winzigen Ort mit einer Municipal, das heißt einer Herberge, die von der Gemeinde betreut wird. Sie ist so einfach und doch sehr nett. Sowohl Bett als auch Abendessen kosten jeweils 10 €. Es sind nur ganz wenige Pilgernde hier. Ich bin mir nicht sicher, wie lange es diese einfache Form der Unterbringung noch geben wird. Der Trend geht zu den privaten Herbergen mit viel mehr Komfort. Das schließt aber dann automatisch jene vom Pilgern aus, die sich das nicht leisten können.

Astorga – Rabanal

Gestern Nachmittag besuchte ich in Astorga den Bischofspalast von Antonio Gaudi. Das Gebäude war schon während des Baues umstritten, stand dann jahrelang als Baustelle, bis es von einem anderen Architekten fertig gestellt wurde. Ein Bischof hat nie darin gewohnt. Im Bürgerkrieg war es sogar als Hauptquartier des Militärs genutzt. Jetzt ist es ein Museum. Hier einige Eindrücke dieses wunderschönen Gebäudes:

Ich machte heute einen kleinen Umweg nach Castrillo de los Polvazares. Das ist sozusagen der vollkommen restaurierte ‚Vorzeigeort‘ der Maragatería zwischen Astorga und den Bergen. Die Böden sind karg und die Menschen konnten nie davon leben, weshalb sie sich vor allem als Fuhrleute verdingten. Sie sind eine eigene Volksgruppe und haben sich eine eigene Folklore bewahrt. Typisch sind die unebenen Straßen und die Häuser aus rotem Stein mit grünen Fenstern und Türen mit weißer Umrundung. Die Kirchen haben Glockentürme, die nur aus einer Mauer bestehen. Und oben nisten die Störche.

Mein heutiges Tagesziel war Rabanal, ein kleiner Ort, ca 10 km vor dem berühmten Cruz de Ferro. Die Kirche hier steht seit 900 Jahren, war eine Außenstelle des Templerordens, der die Pilgernden auf dem Weg beschützte. Faszinierend, dass die Menschen auf dem Weg in dieser Kirche seit so langer Zeit Ruhe und Gebet suchen und finden. Auch Franz von Assisi soll hier gewesen sein, denn auch von ihm ist belegt, dass er nach Santiago gepilgert ist und hier über die Berge gab es keine Alternativroute. Die Kirche gehört zum kleinen Benediktinerkloster, wo man evtl auch für zwei oder mehr Nächte bleiben kann. Vor zwei Jahren hab ich das gemacht, heute checkte ich in der Herberge daneben ein. Sie hat einen riesigen Garten und wird von der britischen Jakobusgemeinschaft betreut und verwaltet, mit drei super freundlichen Hospitaleros aus Amerika und UK. Um 17 Uhr gibt es zur und Biskuits – very british!

Villar de Mazarife – Astorga

Das war gestern Action pur, als die 40 Jugendlichen um ca 18:30 mit ihren Rollkoffern und Taschen (keines davon Handgepäcksgröße) bei uns in der Herberge einzogen. Diese hatten sie natürlich nicht mitgetragen, sondern ein Bus begleitet die Gruppe mit ihren wichtigen Sachen. Sie schafften es dann innerhalb kürzester Zeit, alles anzuräumen und als ich später auf die Toilette gehen wollte, lagen ein Fön im Waschbecken und sonstige für junge Mädels wichtige Dinge überall herum.
Ich find es wirklich bewundernswert, dass Lehrkräfte sich das antun. Für die Jugendlichen ist es sicher eine tolle Erfahrung. Und heute sind sie denselben Weg wie ich gepilgert, nämlich bis Astorga, und das sind immerhin 32 km!
Ich wurde schon gefragt, wieviel mich dieses Unterwegssein eigentlich kostet? In einer öffentlichen Herberge kostet die Nacht zwischen 7 und 15 €, dazu kommt das oft gemeinsame Abendessen. Um ungefähr 15 € gibt es ein dreigängiges Menü. Zum Frühstück bestelle ich mir immer grünen Tee und Tostados mit Tomaten und Olivenöl, die kosten zwischen 3,50 € und 6 €, wobei der Preis nicht abhängig von der Größe der Brote ist, sondern eher von der Nachfrage bestimmt wird. Tagsüber kaufe ich mir dann oft noch eine Kleinigkeit, Orangensaft, Tortilla, ein Eis… Also ca 40 € pro Tag muss man rechnen. Es würde natürlich viel günstiger gehen: in den Herbergen gibt es überall eine gut ausgestattete Küche, wo man Mitgebrachtes zubereiten kann. Aber für mich alleine zu kochen und die Reste vielleicht wegwerfen oder mitnehmen müssen, das ist mir doch zu mühsam.
Und selten, aber heute, gibt es auf dem Weg auch Donativos, bunte, lustige Stände, wo man gegen eine Spende Verschiedenstes zu essen und zu trinken bekommt und auch nette Leute trifft.

Genauso wichtig wie der körperliche Hunger ist aber für mich der Hunger nach Geistigem, Spirituellem. Heute auf dem Weg haben mir verschiedene Engel geflüstert, dass es in Astorga eine neue Herberge der Franziskaner gibt, mit Zweibettzimmer, eigener Dusche und vor allem mit Möglichkeit zum Austausch und zur Messe mit Einzelsegen. Alle Engel hatten reserviert, ich probierte es ohne und bekam tatsächlich das allerletzte Bett. So konnte ich auch am spirituellen Programm der drei jungen Mönche teilnehmen, der Grund dafür, dass dieser Blog heute relativ spät kommt.

Noch einige Fotos vom heutigen Tag: die mittelalterliche Brücke von Hospital de Orbigo mit ihren 19 Bögen und Kathedrale und Bischofspalast von Astorga

Leon – Villar de Mazarife

3 Monate Hitze und 9 Monate Winter, so wird es von dieser Gegend gesagt. Und jetzt hat offensichtlich der Winter begonnen. Vorsichtshalber habe ich mir gestern noch Handschuhe gekauft, obwohl ich so manchen empfohlen hatte, einfach Socken an den Händen anzuziehen. Aber mit den Stöcken ist das dann doch nicht so praktisch.
Entgegen der gestrigen Wettervorhersage, wo tatsächlich nur 1° für Leon angekündigt gewesen war, hatte es heut morgen eh 6°, wie die Anzeige bei der Apotheke verriet. Und es wurde am Vormittag auch wärmer und jetzt kann ich in der Sonne sitzen.
Ich habe mir vorgenommen, mein Tempo etwas zu reduzieren. Irgendwo auf dem Weg habe ich die 300 km bis Santiago-Marke überschritten. Deswegen habe ich heute denselben Ort angestrebt, ca 20 km nach Leon, wo ich auch 2017 war. Schon im vorherigen Ort kam die Meldung: ’no beds free in Villar de Mazarife!‘ Sowas hatte ich ja schon öfter gehört und deswegen ging ich einfach los, gemeinsam mit Debbie und Barb aus den USA, die ich in letzter Zeit immer wieder treffe. In der ersten Herberge war alles voll, in jener von Jesus (das ist hier ein beliebter Männername) hatten sie genau drei Betten frei! Die standen noch dazu in einem gemütlichen kleinen Zimmer. Ein Pilger wird noch kommen, wir erwarten ihn mit Neugier. Das Besondere in diesem Haus sind die Graffitis an den Wänden, die Pilgernde hinterlassen haben.

Die anderen 40 Plätze der Herberge sind für Schulkinder reserviert, die vier Tage lang auf dem Camino pilgern. Insgesamt sind es 120, sie sind auf mehrere Herbergen aufgeteilt, was die Situation für die normalen Pilgernden etwas schwierig macht. Den ganzen Nachmittag kommen hier Menschen an, teilweise recht erschöpft, und sie werden weitergeschickt, mindestens 10 km, wenn es dort voll ist, würden sie in 14 km sicher einen Platz finden. Sie tun mir natürlich leid! Für mich und die beiden Amerikanerinnen hat es sich jedenfalls ausgezahlt, um 7 Uhr schon auf dem Weg zu sein.

Mansilla de las Mulas – Leon

Auf dem Weg traf ich Santiago aus Australien, den ich in den letzten Tagen schon öfter als Bettnachbar gehabt hatte, unter anderem auch im Altarraum der Kirche San Nicolas. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir, dass er den Jakobsweg gehe, weil er sich überlegen möchte, wie es in seinem Leben weitergehen soll. Er ist 53, hat als Wissenschaftler Karriere gemacht, verdient sehr viel Geld, ist allerdings nur am Wochenende zu Hause. Seine Kinder sind mit der Ausbildung fertig. Er habe immer gern gearbeitet, um die Welt besser zu machen. Jetzt aber frage er sich, wie viel Zeit und Energie er noch in eine Arbeit stecken möchte, in der man jederzeit ausgetauscht werden kann. ‚It’s just the beginning of my journey‘, meinte er und mir wurde bewusst, dass meine ‚journey‘ vor 8 Jahren auch hier auf dem Camino begonnen hat. Seither habe ich immer mehr entdeckt, wer und was ich sein möchte, habe mich verändert, Dinge neu ausprobiert, mich von vielem verabschiedet und doch mich gefunden. Ich war mutig und entschlossen und bin unendlich dankbar für diese letzten Jahre, in denen sich mein Leben so bunt entwickelt hat. Und in dieser Dankbarkeit gehe ich noch einmal diesen 800 km langen Weg.

Heute also bis Leon. Eine Stadt zu erpilgern ist immer eine Herausforderung. Es geht zuerst kilometerlang durch das Industriegebiet, dann muss ich mich im Straßengewirr zurechtfinden und plötzlich sind auch viele Menschen unterwegs, die mir entgegen kommen – und das ohne Pilgerkluft!
Leon ist eine sympathische Stadt mit einem historischen Zentrum, beeindruckenden alten Gebäuden und einer der schönsten gotischen Kathedralen. Das muss man sich vorstellen: im 12. Jhdt hatte diese Stadt ca 5000 Einwohner und erbaute eine Kathedrale, die ihresgleichen sucht! Das wirklich Besondere sind die 200 Fenster mit einer Fläche von insgesamt 1.800 m2, die noch im Originalzustand erhalten sind und ein wunderbares Licht ins Innere zaubern. Bei der Besichtigung musste ich schmunzeln: so viele Bekannte habe ich in einer fremden Stadt in der Kirche noch nie getroffen! Es waren ja fast alle hier, die ich in den letzten Tagen auf dem Weg unterwegs waren.

Auch Antonio Gaudi hat der Stadt ein Denkmal gebaut: die Casa de Botines.
Das Pantheon der Könige, das wegen seiner Originalfresken auch ‚Sixtinische Kapelle der romanischen Kunst‘ genannt wird, besuchte ich diesmal nicht. Ich habe es ja schon zweimal gesehen. Stattdessen suchte ich beim Stadtbummel immer wieder Sonnenplätze, im Schatten ist es ziemlich kalt. Und morgen sollen die Temperaturen noch einmal sinken!

Bercianos – Mansilla de las Mulas

In der gestrigen Herberge traf ich vier Pilgernde wieder, denen ich in den letzten Tagen von diesem Ort erzählt hatte. Sie waren alle meiner Empfehlung gefolgt. Eine davon ist Giorgia,eine junge Italienerin. Als wir am Nachmittag zusammen im Garten saßen, hat sie mir etwas erzählt, was sie und jetzt auch mich sehr beschäftigt. Am Tag vorher hatte sie in einer Herberge eingecheckt, als Dan, der junge Israeli, hereinkam und ein Bett für sich und seine drei KameradInnen wollte. Als der Herbergsverantwortliche den israelischen Pass sah, schmiss er ihn zurück und Dan praktisch hinaus. Israelis seien in seiner Herberge nicht willkommen! Dan ist gegangen. Wie er sich da wohl gefühlt hat?
Auch Giorgia hatte die Israelis nie gefragt, was sie vom Gaza-Krieg halten.
Egal, aber sind sie jetzt mitverantwortlich für das, was ihre Regierung macht? Sollen sie dafür bestraft und ausgeschlossen werden? Wo ist die Grenze zum Rassismus? Würd der Verantwortliche das auch mit einer anderen Volksgruppe, z.B. Russen, so machen?
Ich hab die beiden Israelis so offen erlebt. Sie sagten, sie seien hier unterwegs, weil sie anderes kennenlernen wollen. In ihrer Religion sei alles sehr streng. Sie waren auch mit in der Messe, einfach, weil sie es erleben wollten, auch wenn das eigentlich verboten ist und sie sich überhaupt nicht ausgekannt haben. Als ich Giorgia vom österreichischen Pass erzählt habe, meinte sie: da sollte er besser diesen verwenden!

Typisch für Bercianos und diese Gegend sind die Lehmbauten. Man kann in den Mauern Steine und Stroh erkennen. Das sieht für mich sehr schön aus. Wenn sich niemand mehr darum kümmert, zerfällt es wieder zu Erde. Und das passiert bei einigen der Häuser im Moment. Die Kirche wurde schon abgetragen, Teile davon in der Herberge, dem ehemaligen Pfarrhof verbaut.

Am heutigen Tag habe ich kein einziges Wegfoto gemacht. Es war einfach ‚more of the same‘. Den ganzen Tag ging es einen mit Bäumen gesäumten schnurgeraden Weg an einer ebensolchen Straße entlang und es war extrem kalt. Bei 6° sind wir angeblich in der Früh gestartet. Als ich bemerkte, wie kalt es ist, war ich schon unterwegs und wollte nicht stehenbleiben, um mir die Jacke aus dem Rucksack zu holen. Es wird ja eh gleich die Sonne aufgehen, es wird ja eh gleich wärmer werden… Darauf wartete ich den ganzen Tag. Die letzten Kilometer hatten wir noch extremen Gegenwind. Aber da zahlte es sich nun auch nicht mehr aus .. Mein Tagesziel hab ich nach 26 km glücklich, gut und mit einigen Fragen im Kopf erreicht. Morgen werden ich Leon ansteuern.

Auf dem Weg sieht man immer wieder wunderbar gestaltete Hausmauern. Hier einige davon:

Ledigos -Bercianos

Die letzte Nacht war die bisher beste auf dem Camino! Obwohl wir sehr viele in dem ausgebauten Dachstuhl waren, hab ich sooo gut geschlafen, und das bis 7 Uhr! Die Landschaft war heute etwas abwechslungsreicher und es ging auch durch einige Dörfer. Ich kam auch durch Sahagun. Hier steht das offizielle Denkmal, das uns noch einmal bewusst machte, dass wir die Hälfte des Weges geschafft haben.

Mein Tagesziel war Bercianos, ein kleiner Ort, wo ich schon vor 8 Jahren übernachtet hatte. Die Herberge wird von Hospitaleros geführt und ich fühle mich hier sehr wohl.
Auf dem Weg bin ich schon gestern und auch heute in eine Gruppe Deutscher geraten. Sie sind zwei Wochen hier und haben ähnliche Etappen wie ich. Sie gehen mit kleinem Rucksack, das Gepäck wird von donkey-Service weitergeführt und sie übernachten in nobleren Unterkünften. Eine Herberge? Nein, das könne sie sich nicht vorstellen, meinte eine von ihnen. Auf dieser Werbetafel wird auch genau das versprochen: wohnen, wie man es als TouristIn gewohnt ist.

Dabei weiß sie gar nicht, was sie verpasst.

Das habe ich auch gestern Abend gemerkt, als ich mit einem australischen Pilger gesprochen habe. Die ganze Reise ist durchgeplant, alle Quartiere sind bestellt, die Rückreise fix. Als ich dann von meinem Erlebnissen in den verschiedenen Herbergen erzählt habe, wurde er nachdenklich. Schade, vielleicht das Wichtigste zu verpassen!
Einer aus der deutschen Gruppe meinte, warum ich denn hier sei, es gäbe doch auch in Österreich schöne Wanderwege. Ich antwortete, weil ich den Jakobsweg nach Santiago gehen möchte. Es macht mich traurig , dass für so viele offenbar hier einfach ein Wanderweg mit best ausgebauter Infrastruktur ist, auf dem man bequem wandern kann.
Und sie denken nicht daran, welche Kraft in diesem Weg liegen kann und dass die Menschen seit tausend Jahren hier unterwegs sind mit ihren Sorgen, Bitten, Ängsten, mit ihrer Reue und mit ihrer Dankbarkeit. Und dass die meisten von ihnen verändert nach Hause kamen.

Villalcazar de Sirga – Ledigos

Gestern Abend hatte ich mein Abendessen mit Anja aus Deutschland. Sie treffe ich seit einigen Tagen immer wieder und gemeinsam besichtigten wir dann noch die Kirche. Sie ist viel zu groß für diesen kleinen Ort. Ursprünglich aus der Romanik wurde sie vom Templerorden zu einem Kloster ausgebaut, das wie eine Burg den Ort beherrscht.

Über den heutigen Tag gibt es nicht viel zu berichten und die einzelnen Fotos sehen alle sehr ähnlich aus. Schnurgerade und endlos lange Wege durch eine Ebene von Getreidefeldern. Diese sind abgeerntet, aber nicht geackert, und auf manchen liegt noch das Stroh. Vielleicht weil auf geackerten Feldern der Wind die Erde noch mehr vertragen und austrocknen würde?
Jedenfalls hab ich jetzt die Hälfte des Weges geschafft, heute gab es den offiziellen Kilometerstein.

Immer wieder sieht man auf dem Camino Botschaften, die jemand hinterlassen hat – auf Wände, auf Hinweisschilder oder auch auf Steine geschrieben. Eine davon sah ich an einem meiner ersten Tage: Walk with love!
Wenn das immer so einfach wäre! Jeden Tag erinnere ich mich an diesen Satz, denn jeder Tag hat auch so seine Herausforderungen:
Wenn ich in der Nachmittagshitze von einem Schwarm surrender Fliegen begleitet werde und es einer gelingt, sogar in mein Nasenloch zu gelangen.
Wenn sich 100 m hinter mir englischsprachige Pilger so lautstark miteinander unterhalten, dass ich fast jedes Wort verstehen kann.
Wenn eine amerikanische Zimmerkollegin die ganze Nacht lang ein Hörbuch aufgedreht hat, obwohl sie lautstark schnarcht.
Wenn mit dem e-Bike Pilgernde in Höchstgeschwindigkeit bergauf an mir vorbei fahren und mich einfach ignorieren.
Überhaupt ist das Verhältnis zwischen Fuß-und Radpilgernden nicht immer ganz konfliktfrei. Wir sind ja oft auf denselben Wegen unterwegs. Von Fußpilgernden wird erwartet, dass sie zur Seite springen, wenn jemand mit dem Rad kommt. Manche ignorieren das dann bewusst, gehen einfach nebeneinander weiter und bremsen die Radfahrer so ein.
Walk with love – jeden Tag eine neue Herausforderung. Hier auf dem Camino und noch mehr im alltäglichen Leben.

San Nicolas -Villalcazar de Silva

Der gestrige Abend war der bisher schönste, den ich hier erlebt habe. Die Kirche wurde im 12. Jhdt gebaut und war ursprünglich ein Spital des Malteserordens für die Pilgernden auf dem Weg. Später wurde es zur Kirche. Jetzt wird es von italienischen Freiwilligen als Pilgerherberge geführt. Es gibt keinen Strom , also auch kein elektrisches Licht. Bevor es zum Abendessen ging, wurden uns nach dem Vorbild Jesu die Füße gewaschen und dazu ein Segen gesprochen. das endete mit einem gemeinsamen Vater unser in der jeweiligen Sprache. Und das waren gestern viele: Englisch, italienisch, spanisch, französisch und deutsch. Eine bunte Schar von 12 Pilgernden, so wie ich es vor 8 Jahren erlebt habe. Das vegetarische Essen schmeckte ausgezeichnet, danach wurde abgeräumt, abgewaschen und für uns vier, die wir im Altarraum unter der Kuppel schliefen, Campingbetten hergerichtet. Bequem war es nicht, aber eine unvergessliche Erfahrung. Um halb sieben weckten uns gregorianische Choräle und wir bekamen ein einfaches Frühstück, bevor wir wieder mit einem Segen verabschiedet wurden.

Beim Abendessen gesellten sich auch drei französische ‚Pilgernde‘ dazu. Die Frau erzählte, dass sie mit einem Freund unterwegs seien, dessen Traum es war, den Jakobsweg zu gehen. Nachdem er das aber körperlich nicht mehr schaffe, fuhr er in die Bretagne, kaufte sich dort ein Pferd und einen Wagen und startete im Frühjahr den Weg vom Elsass Richtung Spanien. Nach acht Wochen haben sie abgebrochen, weil es zu heiß wurde. Nun sind sie wieder unterwegs, und zwar der Freund mit seinem Pferdewagen, die Frau mit Auto mit großem Anhänger, ihr Mann mit Auto und Pferdeanhänger. Denn so werden sie Pferd und Wagen dann nach Hause transportieren. Das Pferd wird sich der Freund hoffentlich auch später behalten.

Es dürften aber auch noch andere Pferde hier unterwegs sein, denn auf dem Fußweg lagen heut immer wieder Pferdeäpfel. Überhaupt war es heut schon ein Vorgeschmack auf morgen, wo es 18 km durch die Meseta geht ohne ein Dorf. Unglaublich lange gerade Strecken, zuerst am Kanal von Fromista entlang, dann neben einer Autostraße, und später in der prallen Sonne. Es sind merkbar weniger Pilgernde unterwegs, also gibt es doch einige, die sich dieses Stück sparen.