Mystisch keltisch

Ich möchte euch noch von meiner gestrigen Unterkunft erzählen: vor kurzem hatte ich eine Doku über die Herberge ‚Ave Fenix‘ gesehen. So schaute ich, ob sie in meinen Etappenplan passt. Warum? Weil sie seit 1936 in Familienbesitz ist, also seit 90 Jahren. Der jetzige Inhaber ist Jesus Jato, weit über 80 Jahre alt. Gemeinsam mit Hospitaleros bewirtschaftet er die Albuerge im ganz traditionellen Stil. Bis zum Alter von 105 möchte er weitermachen, erst dann werde er am Himmelstor erwartet. Es wurde gekocht und gemeinsam gegessen, und dann hatten wir das Glück, eine besondere Zeremonie mitzuerleben. Jesus kochte Queimada für uns: typisch für Gallicien wird Orujo (Trester) mit Zucker, Kaffee, Kräutern und Früchten gemischt und flambiert. Dabei beschwor Jesus die guten Geister und Hexen mit allerlei magischen Sprüchen, ein Becher wurde von Hand zu Hand weitergereicht, als Zeichen, dass alle verbunden sind. Dann warf Jesus den Becher samt Inhalt in den Queimada-Topf. Von der Flüssigkeit wird ein Rest aufbewahrt und für die nächste Zeremonie verwendet. So sind und bleiben alle mit allen verbunden. Und natürlich bekam wir alle auch einen kleinen Becher zum Verkosten.
Dass wir das gestern erleben durften war wirklich ein Geschenk. Jesus macht es nur mehr sehr selten mit Gruppen.




Heute stellte ich mich auf dem Weg gleich zwei Herausforderungen: ich ging den ‚camino duro‘, der über den Berg auf 800 m hinauf und in wohltuender Stille durch Föhren-, Steineichen- und Kastanienwälder führt. Das ist der längere Alternativweg zu der über 10 Kilometern neben einer Landstraße dahinführenden normalen Route. Nach dem steilen Abstieg reihte ich mich in die Schlange der Pilgernden ein und hatte noch weitere 7 km auf Asphalt zu gehen. Dabei erstaunte mich, dass kaum jemand, der vor mir ging, mehr als einen Tagesrucksack trug. Unter einer hohen Autobahnbrücke wurde das Geheimnis dann gelöst: hier stand ein Bus und die Menschen stiegen ein. Also eine Pilgerreise, wie wir sie 2011 machten.
Davon profitiere ich bis heute, weil ich im Gegensatz zu vielen anderen Pilgernden weiß, was die besonderen Orte auf dem Weg sind. Deswegen stellte ich mich heute dann auch der zweiten Herausforderung: obwohl es weit und sehr anstrengend war, wollte ich unbedingt bis O’Cebreiro kommen, diesem magischen Ort aus keltischer Zeit, wo seit mehr als 2.500 Jahren die Menschen in ‚Pallazos‘, runden Häusern mit Strohdach, wohnten. Diese existieren noch immer und in der Kirche wird der heilige Gral von Gallicien aufbewahrt. Das bedeutete noch einmal einen langen Anstieg auf 1300 m. Ziemlich müde kam ich an und werde hier am Abend noch die Messe mitfeiern.




