
Santiago, die Stadt des Apostels Jakobus, sah sich immer in Konkurrenz zur (neben Jerusalem) anderen großen Pilgerstadt, zur Stadt Rom, der Stadt des Petrus. Als Rom begann, Heilige Jahre zu feiern (zunächst alle 100, später alle 50 und jetzt alle 25 Jahre) wollte Santiago das auch.
Im Heiligen Jahr wird Pilgernden beim Durchgehen durch einen bestimmten Eingang in die Kirche, die ‚Heilige Pforte‘, vollkommener Ablass versprochen. Das bedeutet ein Freisein von Sünde und eine Verkürzung der Zeit im Fegefeuer.
Und tatsächlich konnte der Bischof im 12. Jhdt das durchsetzen. Jetzt feiert Santiago immer dann ein Heiliges Jahr, wenn der Festtag des Jakobus, der 25.Juli, auf einen Sonntag fällt, also alle 5, 6 oder 11 Jahre. Das war 2021 der Fall und wird nächstes Jahr wieder sein.
Auch hier gilt es, ein bestimmtes Tor zu durchschreiten. Dieses hat an den steinernen Türpfosten links und rechts jeweils ein Kreuz eingraviert, auf die man die Hände legt, wenn man die Schwelle überschreitet. So geht man nicht als gebückter, sondern als aufgerichteter Mensch durch diesen besonderen Zugang.

Man wird hinunter geleitet zum Grab des Apostels, zur tiefsten Stelle, und ist eingeladen, alles hinzulegen, was mich niederdrückt, was mein Leben schwer macht, was ich vielleicht schon lange im Lebensrucksack mitschleppe.

Danach wird man hinauf geführt zur Büste des Heiligen Jakobus und darf diese umarmen, sich Kraft und Beistand holen. Wenn man dann die Kathedrale verlässt, landet man auf der ‚ Praza de los vivos‘, dem Platz der Lebenden. Ein schönes Zeichen, vor allem, weil man die Kirche an der ‚Praza de los mortuos‘, dem Platz der Roten betreten hat. Vom Tod zu neuem Leben – das will dieses schöne Ritual der Heiligen Pforte, des Heiligen Jahres, ermöglichen.

Es ist sehr berührend, diese ausgetretenen Stufen zu sehen. Sie führen hinauf zum Apostel. Wie viele Menschen hier schon Segen und Schutz für sich und ihre Liebsten erbeten haben!

Eine kuriose Geschichte dazu:
Gestern Abend machte ich eine Nachtführung in der Kathedrale mit und bekam auch den originalen Schulterumhang dieser Jakobus-Büste zu sehen. Er ist komplett aus Silber und war mit Edelsteinen besetzt. Jetzt hat er einige Löcher und die wertvollen Steine fehlen großteils. Der Grund: beim Umarmen und Küssen haben Pilgernde die Gelegenheit genutzt und einen Stein oder vom Silber abgebissen, das wertvolle Stück hinuntergeschluckt und so mit nach Hause genommen!
Jetzt trägt die Büste nur mehr eine wertlose Nachbildung und Küssen ist auch verboten. Man darf nur Umarmen oder die Hände auf die Schultern legen. Aber ein schönes Ritual ist es trotzdem!