Gallicien

Die gestrige Messe war sehr berührend. Die Kirche von O’Cebreiro ist ein Kraftplatz, sie war voll, der franziskanische Priester hat es sehr unkompliziert angelegt und bei manchen Liedern konnten fast alle mitsingen. Zum Schluss gab es den Pilgersegen in den Sprachen aller, die da waren, darunter auch mandarin, russisch, koreanisch und natürlich viele europäische Sprachen. Hier in der Kirche wird auch der Kelch ausgestellt, in dem sich das ‚Blutwunder‘ ereignet haben soll. Eines dieser Ereignisse, die der jugendliche ‚Influencer Gottes‘ Carlo Acutis zusammengesammelt hat, wofür er vor kurzem heilig gesprochen wurde.



Als wir aus der Kirche kamen, fiel Nebel ein, das erzeugte eine zusätzlich mystische Stimmung, aber es war auch bitterkalt und windig. Und um 22 Uhr färbte die untergehende Sonne den Himmel bunt.



‚Täglich Regen in Gallicien‘, so sagt man. Gestern hatte ich ja die Grenze passiert und heute Morgen regnete es tatsächlich. Zuerst versuchte ich noch, dieses nasse Wetter mit einem ausgedehnten Frühstück auszusitzen. Aber es wechselte lediglich die Intensität des Regens und so akzeptierte ich, dass das halt ein Tag ist, an dem ich frierend und durchnässt in der Herberge ankommen werde. Da hilft nicht einmal der Sockentrick: wenn man keine Handschuhe mithat, zieht man sich einfach die Socken an den Händen an. Und es ist auch wenig Trost, dass der Rucksack immer leichter wird, weil ich alles am Körper trage ..
Erst als es am Nachmittag doch trockener wurde, packte ich das Handy wieder aus. Grund dafür war dieser 100 Jahre alte Kastanienbaum, dessen einzelne abgestorbene Teile schon 800 Jahre hier stehen. Laut Infotafel ist dieser Baum das meistfotografierte Naturdenkmal Galliciens.

Zwei solcher Bäume stehen auch gleich neben der Herberge, in der ich heute eingecheckt haben. Zwei Pilgernde, die sich auf dem Weg kennen und lieben gelernt haben, haben sich an diesem ruhigen und idyllischen Ort kurz nach Triacastela ein Bauernhaus gekauft und es in Eigenregie zu einer schönen Herberge umgebaut. Und das Besondere: hier wird abends vegan gekocht! Und man soll auch als Gast keine mitgebrachten tierischen Produkte verspeisen. Für mich ist das in Ordnung, ich sitze bei meinen Nüssen. Aber großen Zuspruch dürfte das Konzept zumindest heute leider nicht haben. Es scheint, dass ich heute die einzige hier bin.



