7.⁠ ⁠Mai: Villafranca del Bierzo – O Cebreiro

Mystisch keltisch

Ich möchte euch noch von meiner gestrigen Unterkunft erzählen: vor kurzem hatte ich eine Doku über die Herberge ‚Ave Fenix‘ gesehen. So schaute ich, ob sie in meinen Etappenplan passt. Warum? Weil sie seit 1936 in Familienbesitz ist, also seit 90 Jahren. Der jetzige Inhaber ist Jesus Jato, weit über 80 Jahre alt. Gemeinsam mit Hospitaleros bewirtschaftet er die Albuerge im ganz traditionellen Stil. Bis zum Alter von 105 möchte er weitermachen, erst dann werde er am Himmelstor erwartet. Es wurde gekocht und gemeinsam gegessen, und dann hatten wir das Glück, eine besondere Zeremonie mitzuerleben. Jesus kochte Queimada für uns: typisch für Gallicien wird Orujo (Trester) mit Zucker, Kaffee, Kräutern und Früchten gemischt und flambiert. Dabei beschwor Jesus die guten Geister und Hexen mit allerlei magischen Sprüchen, ein Becher wurde von Hand zu Hand weitergereicht, als Zeichen, dass alle verbunden sind. Dann warf Jesus den Becher samt Inhalt in den Queimada-Topf. Von der Flüssigkeit wird ein Rest aufbewahrt und für die nächste Zeremonie verwendet. So sind und bleiben alle mit allen verbunden. Und natürlich bekam wir alle auch einen kleinen Becher zum Verkosten.
Dass wir das gestern erleben durften war wirklich ein Geschenk. Jesus macht es nur mehr sehr selten mit Gruppen.

Heute stellte ich mich auf dem Weg gleich zwei Herausforderungen: ich ging den ‚camino duro‘, der über den Berg auf 800 m hinauf und in wohltuender Stille durch Föhren-, Steineichen- und Kastanienwälder führt. Das ist der längere Alternativweg zu der über 10 Kilometern neben einer Landstraße dahinführenden normalen Route. Nach dem steilen Abstieg reihte ich mich in die Schlange der Pilgernden ein und hatte noch weitere 7 km auf Asphalt zu gehen. Dabei erstaunte mich, dass kaum jemand, der vor mir ging, mehr als einen Tagesrucksack trug. Unter einer hohen Autobahnbrücke wurde das Geheimnis dann gelöst: hier stand ein Bus und die Menschen stiegen ein. Also eine Pilgerreise, wie wir sie 2011 machten.
Davon profitiere ich bis heute, weil ich im Gegensatz zu vielen anderen Pilgernden weiß, was die besonderen Orte auf dem Weg sind. Deswegen stellte ich mich heute dann auch der zweiten Herausforderung: obwohl es weit und sehr anstrengend war, wollte ich unbedingt bis O’Cebreiro kommen, diesem magischen Ort aus keltischer Zeit, wo seit mehr als 2.500 Jahren die Menschen in ‚Pallazos‘, runden Häusern mit Strohdach, wohnten. Diese existieren noch immer und in der Kirche wird der heilige Gral von Gallicien aufbewahrt. Das bedeutete noch einmal einen langen Anstieg auf 1300 m. Ziemlich müde kam ich an und werde hier am Abend noch die Messe mitfeiern.

6.⁠ ⁠Mai: Ponferrada – Villafranca del Bierzo

Paradiesgarten

Noch einmal zu Ponferrada: die Stadt wird von der großen Templerburg beherrscht. Dieser Ritterorden kümmerte sich und beschützte die Pilgernden. 1307 wurde er verboten, aber die Gerüchte um diese sagenumwobene geheime Bruderschaft bestehen noch immer.

Der 1000 m-Abstieg gestern hat mich nicht nur von den Bergen von Leon in die Landschaft Bierzo katapultiert, sondern auch in eine vollkommen andere Klimazone: plötzlich ist es angenehm warm, überall blühen die Rosen und verströmen ihren Duft, auch Pfingstrosen, Lilien, Hortensien und viele Blumen, deren Namen ich nicht kenne. Die Feigenbäume haben schon riesige Früchte, die nur mehr etwas Farbe brauchen, und einige rote Kirschen habe ich von den Bäumen genascht.
In früheren Zeiten musste sich dieser Landstrich für die Pilgernden, die von den kalten und windigen Bergen herunter kamen, als Paradies angefühlt haben. Ein bisschen war es das auch für mich.

Die Landschaft ist unglaublich grün. Der Bierzo ist auch bekannt für seinen guten Wein, in Niederkultur wachsen überall aus alten, dicken Stämmen zarte Weinranken. Die Weinbauern fahren mit kleinen Traktoren oder gehen mit der ‚Spritzbutte‘ durch. Diesen Geruch nach Spritzmittel kenne ich noch aus meiner Kindheit. Auch eine ältere Weinpresse war ausgestellt.

Heute bin ich in Villafranca del Bierzo, auf deutsch das ‚Dorf der Franken‘ im Bierzo. Im Mittelalter, als die Mauren besiegt und aus Spanien vertrieben wurden, wurden in ihren Häusern Menschen aus Mitteleuropa angesiedelt, auf diese bezieht sich der Ortsname.

In Villafranca an der Santiago-Kirche befindet sich die Puerta del Perdon, das Tor der Vergebung. Im Mittelalter erhielten Pilgernde, die es bis hierher aber aus Krankheitsgründen nicht weiter schafften, trotzdem ihren vollkommenen Ablass, für den sie unterwegs waren.

5.⁠ ⁠Mai: Foncebadon – Ponferrada

Doppel-Gängerin

Wirklich eng war es gestern im Schlafraum, mit all den Rucksäcken! Noch dazu war mein Bett in der hintersten Ecke, sodass ich in der verbrauchten Luft zu ersticken fürchtete. Es war dann gar nicht so schlimm, ich hab sogar relativ gut geschlafen. Der nette Hospitalero hatte einen Nudel-Kichererbsen-Eintopf gemacht, der richtig gut wärmte und um 21 Uhr lag ich schon im Bett. Draußen war es sehr kalt und es regnete.

Ich hatte ja vorgehabt, heute sehr früh aufzubrechen, um oben am Cruz de Ferro den Sonnenaufgang zu sehen. Dafür musste ich um 6.45 weggehen, was ich auch sehr gut schaffte. Aber draußen dann die Enttäuschung: es war eiskalt, total nebelig und es ging ein heftiger Sturm. Nach den zwei Kilometern bis zum Kreuz war ich vollkommen durchgefroren. Ein Pilger meinte, es hätte nur 1 Grad gehabt. Zumindest plus. Trotz Wind, Nebel und Kälte war ich nicht die einzige oben beim Kreuz. Hierher bringen die Pilgernden seit 1000 Jahren einen Stein mit und legen ihn als Symbol für ihre Lasten beim Kreuz ab. ‚Only stones‘ hatte ich gelesen, daran halten sich leider nicht alle. Zwischen den Steinen sah ich etliche Fotos und viele andere Dinge, Schuhe, Pilgerbücher, ja sogar ein Handy lag da! Müll, der von Zeit zu Zeit von Ehrenamtlichen entsorgt werden muss.
Ich umrundete den Hügel dreimal in Stille und dachte dabei an viele liebe Menschen, die es im Moment schwer haben. Möge auch ihnen ein Stück ihrer Last genommen werden!

Dieses Kreuz steht mit 1.517 m am höchsten Punkt des gesamten Pilgerweges, danach ging es stetig bergab auf 500 m, teilweise über sehr steinige Wege. Die Etappen des gestrigen und heutigen Tages bin ich letztes Jahr auch schon gegangen, bevor ich auf den Winterweg wechselte. So wusste ich heute genau, wo ich Pause machen und was ich dort essen wollte. Welche Enttäuschung, dass die Churrería in Mollinaseca geschlossen hatte! So musste ich mit der kalten Pizzahälfte von gestern vorlieb nehmen.
Gelandet bin ich heute wieder in der ‚gigantischen kirchlichen Herberge‘ (144 Betten) in Ponferrada, wo ich letzten September die Feier zum 20Jahr-Jubiläum der Herberge miterleben durfte.

4. Mai, Astorga – Foncebadon

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Der erste Blick auf die zwei Türme der Kathedrale von Astorga war magisch, das Aussteigen aus dem Bus zwischen Kathedrale und Bischofspalast von Gaudi eine große Freude, das Einchecken bei den Franziskanern ein bekanntestes Tun. Diesmal hatte ich die Nummer 53 von den 60 Betten, die sie in Zweibettzimmern mit eigenem Bad zur Verfügung stellen. Also wieder ziemlich voll! Letztes Jahr hatte ich ja das allerletzte Bett erhalten. Etwas erschreckt haben mich die wieder vielen Pilgernden, die ich auf dem Platz gesehen habe – man erkennt sie am Schuhwerk! Sie tragen Badeschlapfen, Flipflops oder Sandalen an den Füßen und spazieren entspannt herum, ihr Tageswerk haben sie ja erledigt. Meine Zimmergenossin war eine junge Frau aus Bayern, die seit dem 23. Februar stückweise auf dem Jakobsweg von zu Hause aus unterwegs ist. So schnell fühlte ich mich angekommen auf dem Weg und bereit für den Start.
Um 19 Uhr feierte ich die Messe im Haus mit und wurde auch gleich für die Lesung auf deutsch eingeteilt. Es hätte nicht besser passen können: wir sind auf dem Weg und Jesus sagt an diesem Sonntag: ich bin der Weg!
In diesem Vertrauen brach ich morgens und hatte plötzlich das wunderbare Gefühl, der Weg heißt mich willkommen, umarmt mich, trägt mich. Bis zum Frühstück waren viele unterwegs, danach verlor es sich und am Nachmittag hab ich kaum mehr Pilgernde gesehen. Ich kam in Rabanal vorbei, wo viele das Etappenziel hatten und ich wieder die Energie dieser uralten Kirche tankte. Und ging dann weiter bis Foncebadon, diesem Ort, der um 2000 vollkommen verfallen und wegen der streunenden Hunde gefürchtet war. Heute ist er ein schmuckes Dörfchen mit vielen Herbergen, der letzten Station vor dem Cruz de Ferro. Ich probierte es in der kirchlichen Herberge, die in der ehemaligen Kirche untergebracht ist, neun Stockbetten in einem Raum von ca 25 m2 – eine Grenzerfahrung.

Störchegeklapper beim Frühstück

Ein langer Weg, 1.-3. Mai

Auch heuer werde ich wieder einen Einsatz bei der Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela machen. Und wie immer möchte ich davor auf dem Jakobsweg pilgern, und zwar diesmal das letzte Stück auf dem ‚französischen‘, dem bekanntesten Weg von Astorga nach Santiago. Letztes Jahr war hier ja so viel los, dass ich mich entschieden hatte, ab Ponferrada den Winterweg weiterzugehen. Dort hatte ich dann die Stille und Einsamkeit gefunden, die mir so gefehlt hatte. Jetzt probiere ich es noch einmal und erstmals überhaupt im Frühling.
Wieder bin ich ohne Flugzeug unterwegs und auch nicht mit dem Zug, weil der Nachtzug zwischen Wien und Paris eingestellt wurde und mich die vorgeschlagene Zugverbindung über Deutschland, Paris, Barcelona und Madrid geführt hätte – in vier Tagen!
So also mit dem Flixbus. Da sind es ’nur‘ 47 Stunden von Göllersdorf nach Astorga.
‚Wie reist es sich so mit dem Flixbus?‘, werde ich immer wieder gefragt. Das hängt davon ab .. Ich habe diesmal zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Der Bus, in den ich in Wien einstieg, kam schon von Bukarest und durchquerte ganz Europa, bis zur Endstation Rennes in der Bretagne. Da waren sehr viel junge Männer unterwegs, kaum Frauen und es wurde nur auf rumänisch kommuniziert. Es war nicht immer leicht, die Pausenzeiten zu verstehen, die aber sowieso immer überzogen wurden. Der Bus war gut gebucht, ich wurde gebeten, meinen reservierten Platz zu tauschen, weil sich da schon jemand anderer eingerichtet hatte. Ein Glück, denn ich hatte dann keinen direkten Spitznachbar und konnte es mir in der Nacht immer wieder anders bequem machen und habe sehr gut geschlafen.
Am Nachmittag kam ich in Paris an. Eine Freundin holte mich ab und wir genossen ein Picknick an der Seine, bevor ich um 20.30 in den nächsten Bus stieg. Das war ein moderner Fernreisebus, dafür aber ganz voll. Mit einem recht großen und breiten Nachbar war es nicht so einfach, eine bequeme Schlafposition zu finden. In Oviedo angekommen, vertrieb ich mir die 4 Stunden Wartezeit in der Stadt. Da war gerade Stadtmarathon, Markt und Volksfest, unglaublich viel los im Zentrum.
Von hier hatte ich schon 2021 mein Pilgern gestartet, auf dem ‚Camino primitivo‘. Er trägt seinen Namen nicht nach wegen der Einfachheit des Weges, sondern deswegen, weil hier um 800 der erste Pilger unterwegs war, König Alfons II. Ihm war zu Ohren gekommen, dass die Gebeine des Apostels Jakobus in Santiago gefunden worden waren und der Überlieferung nach machte er sich zu Fuß dorthin auf den Weg.
Ich sitze inzwischen im dritten Bus meiner Reise, in 90 Minuten werde ich in Astorga ankommen und freu mich schon sehr darauf, morgen endlich auch zu Fuß starten zu können.

Santiago

Die Kathedrale war gestern Abend schon 45 Minuten vor Beginn der Messe so voll, dass ich nur mehr einen Platz am Boden bekam. Beim spirituellen Rundgang hatten wir gesehen, dass die Kohle für das berühmte Botafumeiro-Ritual angezündet wurde, es würde also der Weihrauchkessel geschwenkt werden. Ich habe ja die Vermutung, dass viele nur deswegen drinnen sitzen und nicht wissen, dass das hier eine Hl. Messe ist. So setzte sich, während ich bei der Kommunion war, eine Asiatin auf meinen Bodenplatz und checkte ihre nächsten Unterkünfte auf booking.com. So konzentriert, dass sie von ihrer Nachbarin auf den Botafumeiro hingewiesen werden musste. Dann wurde natürlich gefilmt. Als sie sich dann noch während des Ave Maria mit ihrer Nachbarin ohne Ende austauschte, konnte ich nicht anders als sie darauf hinzuweisen, dass das hier ein Gebet, eine Heilige Messe sei. Sie war dann stumm und hoffentlich auch betroffen.
Mir tut das weh, wenn Menschen sich so respektlos verhalten.

Heute morgen erwartete ich nach der deutschsprachigen Messe und einem gemütlichen Austausch meine britsche Pilgerfreundin, und mit ihr verbrachte ich den restlichen Vormittag auf dem Platz vor der Kathedrale. Es ist so schön, da Menschen wiederzutreffen, die ich irgendwann auf dem Weg gesehen habe, z.B. einige Deutsche in Pamplona, am 3. Tag des Weges! Alle kommen früher oder später hier an.
Ich werde ja, nach einem kurzen Abstecher nach Porto und Fatima hierher zurückkommen und bis Ende des Monats bei der Pilgerseelsorge mitarbeiten. Vielleicht noch eine Möglichkeit, Menschen wiederzusehen..
Eine, die ich am Weg immer wieder verloren glaute und dann unerwartet wiedersah, war Giorgia, die junge Italienerin. Und gestern, um 21 Uhr, stand sie plötzlich neben mir an der Kreuzung! Sie hatte bei der Abendreflexion in Bercianos etwas gesagt, womit ich diesen Blog für heuer schließen möchte:
‚der Camino hilft mir, die besserer Seite von mir selbst zu entwickeln.‘
Möge mir und uns allen das immer wieder gelingen, auf dem Jakobsweg und auf den verschiedenen Wegen unsere Lebens. Dann kann die Welt insgesamt eine bessere werden.
Danke dafür, dass ihr mich auf meinem Weg begleitet habt, es war eine tolle, bunte, spannende Zeit.
Auch wenn ich alleine unterwegs war, hab ich mich sehr mit euch verbunden gefühlt. Vielleicht gibt es ja Anfang Mai eine Fortsetzung, denn ich habe vor, dann den Camino Frances fertig zu pilgern, mit hoffentlich etwas weniger anderen Menschen.

Sergude – Santiago de Compostela

Auch eine Reise von 1000 Meilen fängt mit dem ersten Schritt an…Vertraue und gehe….
Dieses Lied begleitete mich in den letzten Tagen. Am 4. September startete ich diesen Weg an der französisch-spanischen Grenze, heute, 37 Tage später, habe ich mein Ziel erreicht! Die Schritte in der ersten Zeit waren schön, erhebend, voller Vorfreude und Neugierde. Zwischendurch war es manchmal hart, eintönig, mühsam, aber mir half der Gedanke, dass jeder getane Schritt mich meinem Ziel näher bringt. Und bei einer Hochrechnung bin ich auf ca 50.000 Schritte pro Tag alleine auf dem Weg gekommen! In Summe waren das einige Millionen! In den letzten Tagen war ich fast traurig, dass die Regelmäßigkeit des täglichen Pilgerns zu Ende geht und ich mich auf Neues einstellen muss.
Ganz bewusst setzte ich heute jeden Schritt, freute mich über den Sonnenaufgang hinter dem Pico Sacro, war unendlich berührt, als ich das erste Mal die Stadt Santiago vor mir sah. Demut, Dankbarkeit, Stolz, unglaublicher Freude, … so viele Gefühle in mir.

Und dann stand ich wieder hier, an der Praza de Obradoiro, vor meiner Lieblingskathedrale. Es war ca 11 Uhr und schon viel los. Mit einem französischen Paar, das von Le Puy in 53 Tagen hierher gepilgert ist, machten wir gegenseitig Fotos, dann saß ich sehr lange an einer Säule und beobachtete das Geschehen: Santiago ist tatsächlich die Stadt der unglaublich fröhlichen Gesichter und der maroden Füße! Kaum jemand, der keine Fuß-/Kniebandage trägt, so viele Leute humpeln! Aber alle sind froh und glücklich, es geschafft zu haben.

Zur Belohnung gönnte ich mir im Lokal neben der Kathedrale Churros con Chocolate und traf dort Ela, eine holländische Pilgerin, die ich Wochen vorher kennengelernt hatte. Es war ein netter Austausch über das, was wir beide in der Zwischenzeit erlebt hatten. Auch sie hat einen geschwollenen Knöchel , aber nicht wegen der 800 km, die sie gegangen ist, sondern weil sie im Postamt in Santiago über die Schwelle gefallen ist. So ein Pech! Irgendwann war es dann Zeit, mein Quartier zu beziehen, abends möchte ich noch am spirituellen Rundgang teilnehmen, den ich später ja selbst anbieten werde, und auch die Pilgermesse besuchen. Davon werden ich morgen noch berichten und auch von meinen weiteren Plänen.

Bandeira – Sergude

Seit ich in Spanien angekommen bin, frage ich mich immer wieder, ob die vielen Menschen, die aus der ganzen Welt hier unterwegs sind, das finden, was sie sich erwarten. Vielleicht hoffen sie auf innere Einkehr, Sinnfindung, spirituelle Erlebnisse, so wie es in manchen Filmen dargestellt wird. Ich habe Debbie, einer Amerikanerin, einmal diese Frage gestellt. Sie hat sich den Weg zum 70. Geburtstag geschenkt und ist mit ihrer ehemaligen Arbeitskollegin unterwegs. Die beiden tun sich schwer miteinander, 24/7 zusammen zu sein, ist nicht so einfach. Unter Tränen hat Debbie gesagt, dass es ganz anders sei, als sie es sich vorgestellt hatte.
Eine Frage hat Debbie mir gestellt: ob ich auf dem Camino schon ein Wunder erlebt habe. Nach kurzem Nachdenken meinte ich: ja, immer wieder erlebe ich hier diese kleinen Wunder. Aber ich glaube, sie hat sich ein richtig großes Wunder erhofft.
Später bekam sie Probleme mit dem Knöchel, ging verbissen weiter, bis es nicht mehr möglich war. Debbie musste abbrechen. Inzwischen sind die beiden wieder zu Hause. Wie groß diese Enttäuschung sein muss! Debbie und ihre Freundin bei unserem letzten Treffen:

Probleme mit den Füßen hab ich viele gesehen, gestern hat es auch mich erwischt. Mein linker Vorderfuß tat so weh, dass ich nicht mehr abrollen konnte. Ich mache das viele Gehen auf Asphalt- und Schotterstraßen dafür verantwortlich. Jedenfalls war ich froh, dass bei der Herberge ein supermercado gleich ums Eck war, weiter hätte ich nicht mehr gehen wollen. Und es war gut, dass ich im Quartier vorher die Küche gecheckt hatte: es gab eine lange Küchenzeile mit zweimal vier Ceranfeldern, ganz viele Laden, aber in denen war absolut nichts drinnen! Nur ein Löffel und eine Gabel aus Plastik! Es hätte im Geschäft sogar tiefgekühlten Quinoa mit Gemüse gegeben, das hätte mir geschmeckt. Aber wie in der Mikrowelle aufwärmen, wenn es kein Teller gibt? Also Brot und Käse, und davon blieb noch Proviant für den neuen Tag.
Die Herberge war übrigens ein Containerdorf. Der zweite Pilger, ein Spanier, startete um 5 Uhr, damit er nachmittags in Santiago ankommt und noch den Bus nach Hause, nach Sevilla, nehmen kann, von wo er auch weggegangen war. Er wirkte mir etwas gestresst, war an diesem Tag 50 km gegangen und hatte Probleme mit seiner Hüfte. Aber leider nur diese vier Wochen Zeit!

Wie dankbar kann ich dagegen sein. Ich bin heut den 36. Tag unterwegs, von den insgesamt ca 870 km fehlen mir noch 10 zum Ziel. Ich spüre, dass es Zeit ist, mich von diesem Weg zu verabschieden und ich bin den heutigen Nachmittag wirklich sehr bewusst Schritt für Schritt gegangen.
Ein besonderer Ort des Tages war der Berg ‚Pico Sacro‘, der Heilige Berg Galiciens. Er ist untrennbar mit Santiago verbunden, hier sieht man zum ersten Mal auf die Stadt. Und die beiden Gefährten hätten den Apostel Jakobus eigentlich hier begraben sollen, nur hat die Königin Lupa und ihr Drache das verhindert. So wurde der Leichnam in Santiago bestattet und deswegen gehen wir alle dorthin und nicht zum Pico Sacro. Ich hätte ihn gerne bestiegen, aber es wäre ein Umweg gewesen und das hab ich mir mit meinem Fußproblem nicht zugetraut. Ich war schon froh, dass ich diese 24 km halbwegs gut geschafft habe. Auch das ist ein kleines Wunder für mich.
Was bedeutet eigentlich ‚Wunder‘ für dich? Hast du schon einmal ein Wunder erlebt?

Lalin – Bandeira

Heute morgen zeigte der erste km-Stein 36,… an, jetzt am Nachmittag der letzte 24,454. Es geht also mit Riesenschritten dem Ende zu. Morgen mache ich noch einen normalen Pilgertag und am Freitag nur mehr die restlichen 9-12 km. Ich möchte am Vormittag in Santiago ankommen, wo hoffentlich noch nicht so viel los sein wird. Obwohl: dieses Wochenende ist großer Marienfeiertag, die Stadt dürfte ziemlich voll sein. Zwei große Alberguen, in denen ich wegen eines Bettes angefragt hatte, sind voll. Inzwischen hab ich aber ein Bett, sogar für zwei Nächte.
Heute also trafen sich der Weg vom Süden und der Winterweg, kurzfristig waren etwas mehr Menschen unterwegs, aber am Nachmittag ging ich wieder ganz alleine und hier in der Herberge sind wir wieder zwei, bei 36 Betten! Diesen Weg bin ich ja 2023 schon gegangen. Es ist interessant, dass ich mich tatsächlich nur an die alte Brücke erinnern konnte, mit dem Stein mit römischer Inschrift, wo als Errichtungsdatum das Jahr 912 angegeben wird.

Sonst ist der Weg sehr unspektakulär : es ging wieder auf alten Landstraßen entlang, durch Dörfer mit großen bellenden Hunden (hinter Zäunen), entlang von großen Kuhställen für die Fleischproduktion und durch schöne Wälder. Manchmal gehe ich auch auf alten Steinwegen und bestaune die riesigen Bäume. Gut verwurzelt konnten sie unglaubliche Größe entwickeln. Ein schönes Symbol.

Wenn ich so in Stille gehe, habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Da fällt mir wieder der Pilgervater Jose Luis in Tosantos ein. Er wollte mich ja weiterschicken, weil ich Vegetarierin bin. Vor dem gemeinsamen Abendessen hat er uns damals einen kleinen Vortrag gehalten über das, was auf dem Camino wichtig ist. Und einer seiner Gedanken beschäftigt mich immer wieder auf dem Weg: Geh in Stille! Suche nicht nach Antworten, sondern schau, welche Fragen der Camino dir stellt.
Das erinnert mich an den Satz von Rainer Maria Rilke:
‚Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.‘
Wir stellen uns bei jeder Begegnung gegenseitig viele Fragen hier auf dem Weg, geben uns einander inspirierende Antworten, oder wenn wir keine Antwort wissen oder bekommen, so nehmen wir doch die Fragen mit.

Rodeiro -Lalin

Als dritte Fahrspur einer Autostraße, so startete heut der Camino (aber diesmal mit Frühstück). Und er führte wieder ganz lang auf alten Landstraßen und Schotterwegen dahin, da waren nur einige schöne Plätze, die zum Fotografieren einluden.
Zum Beispiel, wenn es durch Wälder ging mit riesigen Steineichen und Föhren, oder wenn Edelkastanien, Birken und Nussbäume den Weg beschatteten. Die Kastanienbäume hier sind nicht annähernd so dick wie jene, die verbrannt sind. Das macht traurig.
Und es beginnen auch diese Eukalyptusplantagen für die Papierproduktion, wenn die zu brennen beginnen, ist das wie ein Strohfeuer.

Am Morgen ist es zwar immer noch kalt, aber tagsüber ist es immer sonnig und die Temperatur steigt auf ungefähr 25°. Da such ich dann gern den Schatten der Bäume.
Es gab heut wieder auf dem ganzen Weg keine einzige Einkehrmöglichkeit, nicht einmal eine Bank zum Ausrasten. Da ist es gut, dass ich meine Matte mithaben, auf die kann ich mich setzen. Ich bin ja in Galicien und da ist es zwar sehr grün, der Boden aber sehr feucht.
Und ich hatte diesmal auch etwas zu Essen mit. Wobei mir aufgefallen ist, dass es hier in den Dörfern öfter Apotheken als Lebensmittelgeschäfte gibt! Und das Angebot hält sich in Grenzen. Gestern war ich sogar in einem Spar. Aber dort gab es kein frisches Brot, nur Toastbrot und abgepackte süße Weckerl, auch sonst fast nichts, das ich gern kaufen würde. Und Eis gibt es nicht einzeln, sondern nur im 4er oder 6er Pack.

Gegen Ende des Weges wird es jeden Tag anstrengend. Da würde ich mich nach einem Kaffee sehnen, der neue Energie gibt. Und am liebsten noch etwas Süßes dazu. Diese Kaffeejause am Nachmittag , das verstehen sie in Spanien gar nicht. Sie essen Süßes zum Kaffee am Morgen: Madalenas, das sind kleine Biskuitmuffins, oder Croissants oder Neapolitanas – Blätterteig mit Schokolade gefüllt. Nachmittags gibt es nur Kaffee solo und dann kommt ja das große Abendessen, am liebsten erst um oder nach 20 Uhr.

Heute bin ich in Lalin. Dieser Ort ist quasi der Mittelpunkt von Galicien, es gibt ein 0 km-Punkt an einer Kreuzung. Beim Ankommen haben mich schon drei Pilgernde freundlich begrüßt, nach dem Einchecken hab ich mich mit einem Kaffee zu ihnen gesetzt. Sie sind aus Amerika, gehen den Weg von Ourense nach Santiago (ca 100 km, das berechtigt zum Erhalt der Compostela, der Pilgerurkunde). Das ist der letzte Teil der Via de La Plata, wo ich vor zwei Jahren auch gepilgert bin. Die drei haben heut einen Pausentag und sind mit dem Bus hierher gefahren. Morgen werden sie wieder auf ihrem Weg gehen und irgendwo werden unsere beiden Wege sich dann treffen. So war es heut für mich wahrscheinlich der letzte einsame Pilgertag, ich rechne damit, dass morgen wieder mehr Pilgernde unterwegs sein werden.